Intro
Was sind Preprints?
Preprints sind Vorabversionen oder Manuskriptfassungen von wissen­schaftlichen Publikationen, insbesondere Zeitschriftenartikeln, die der (Fach-)öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden. In der Regel handelt es sich um noch nicht begutachtete Versionen, deren Veröffentlichung dem beschleunigten Austausch von Forschungsergebnissen und einer besseren Sichtbarkeit von Forschung dient. Preprints unterstützen offene Kommunikationsprozesse und leisten einen wichtigen Beitrag zur Umsetzung des grünen Weg des Open Access.
Quelle: Becklas, Carolin; Hauss, Jonas (2025): Was sind Preprints? av.tib.eu/media/69857
Das erfahren Sie in diesem Artikel
Preprints sind frühe Fassungen wissenschaftlicher Publikationen, die der (Fach-)öffentlichkeit in der Regel ohne vorherige Begutachtung zur Verfügung gestellt werden.
Die vor allem in der Physik und anderen Fächern weit verbreiteten Preprints werden frei zugänglich auf Preprint-Servern veröffentlicht und leisten einen wichtigen Beitrag zum grünen Weg des Open Access.
Preprint-Server ermöglichen die Herausgabe von sogenannten Overlay-Journals — Online-Zeitschriften, die die Infrastruktur einer Preprint-Plattform zur Einreichung und Veröffentlichung nutzen.
Merkmale von Preprints
Zwischen der Einreichung eines Manuskripts und der Veröffentlichung in einer Zeitschrift können viele Monate vergehen. Durchschnittlich dauert der Peer-Review-Prozess bei wissenschaftlichen Zeitschriften laut einer Studie 17 Wochen (Huisman & Smits, 2017), hinzu kommen Zeiten für Layout, Lektorat und andere Arbeitsschritte. Um die Verbreitung von Forschungsergebnissen zu beschleunigen, werden in vielen Fächern Preprints geteilt. Preprints beschleunigten den Austausch von Forschungsergebnissen, ermöglichen eine bessere Sichtbarkeit von Forschung und ermöglichen ein frühes Feedback (Blatch-Jones et al., 2023; Smart, 2022).
Die Veröffentlichung von Preprints kann neben einer schnelleren und effektiveren Verbreitung von Forschungsergebnissen auch Herausforderungen für den Peer-Review-Prozess mit sich bringen. Insbesondere in Verfahren, die eine anonyme Begutachtung vorsehen, kann die öffentliche Verfügbarkeit eines Manuskripts die Anonymität von Autor*innen erschweren (Rastogi et al., 2022; Smart, 2022). Als mögliche Lösungen können Publikationsorte während des Begutachtungsprozesses alternative Titel und leicht überarbeitete Abstracts verlangen. Dadurch wird es für Gutachter*innen schwieriger, die entsprechende Arbeit online eindeutig zu identifizieren. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, anonyme Preprints über Plattformen wie OpenReview zu veröffentlichen. So können Autor*innen ihre Forschung bereits während des Review-Verfahrens zugänglich machen und die Zuordnung zu ihren Namen erst nach Abschluss der anonymen Begutachtung herstellen (Rastogi et al., 2022).
Die Fachkulturen unterscheiden sich allerdings stark. In der Physik sind Preprints ein unverzichtbares Werkzeug der Kommunikation – je nach Teilgebiet werden über 90 % aller Zeitschriftenartikel vorab auf dem Preprint-Server arXiv veröffentlicht (Gentil-Beccot et al., 2009). Auch in anderen Fächern wie Mathematik, Informatik, Biologie und Medizin sowie teilweise in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften haben Preprints zunehmend an Bedeutung gewonnen, insbesondere im Zuge der Covid-19-Pandemie nach 2020. Allerdings sollte bedacht werden, dass nicht alle Zeitschriften Manuskripte annehmen, die bereits als Preprint veröffentlicht wurden.
Preprints haben in der Regel noch keine wissenschaftliche Qualitätssicherung erfahren. Sie können sich von der veröffentlichten Version inhaltlich deutlich unterscheiden bzw. werden ggfs. überhaupt nicht zur Veröffentlichung angenommen. Während dies der Fachwelt bewusst ist, kann es zu Problemen kommen, wenn z. B. Medien Ergebnisse aus Preprints aufgreifen und ohne Hinweise und entsprechende Einordnung massenwirksam verbreiten. Zur besseren Einschätzung durch eine nicht wissenschaftliche Leserschaft sind medizinische Preprint-Server mit entsprechenden Warnhinweisen versehen.
Preprint-Server
Es gibt zahlreiche Preprint-Server. Die folgende Abbildung zeigt einige gängige Vertreter:
Prinzipiell können Preprints auf allen möglichen Wegen, etwa per E-Mail in persönlichem Kontakt, auf privaten Websites, in institutionellen Repositorien oder auf Webseiten von Forschungseinrichtungen verbreitet werden. Üblicherweise werden sie aber auf Preprint-Servern hochgeladen, die meist spezifisch für ein oder mehrere Fachgebiete sind. Auf diesen Plattformen findet kein Peer Review statt, in der Regel aber eine Eingangskontrolle, ob eine hochgeladene Publikation wissenschaftlich ist und zum fachlichen Spektrum passt. Der Umfang dieser Eingangskontrolle reicht von einer einfachen formalen oder inhaltlichen Kontrolle durch Einzelpersonen beziehungsweise KI bis zu umfassenderen Prüfverfahren, wie sie etwa der medizinische Preprint-Server medRxiv anwendet. Dies ist besonders wichtig, da die Veröffentlichung medizinischer Forschungsergebnisse potenzielle Risiken birgt (Smart, 2022).
Preprint-Server sind häufig aus der Fachcommunity heraus entstanden und werden gemeinschaftlich finanziert. Hinter einigen stehen Forschungseinrichtungen oder Fachgesellschaften, selten werden sie von Verlagen betrieben, manchmal jedoch aufgekauft wie das Social Science Research Network (SSRN) durch Elsevier 2016.
Der älteste und größte Preprint-Server ist das 1991 gegründete arXiv für acht Fachgebiete, darunter Physik, Mathematik und Informatik. Es enthält mittlerweile fast 2,4 Millionen Artikel (Stand: Juli 2026). Andere wichtige Plattformen sind bioRxiv (Biologie), SocArXiv (Sozialwissenschaften), EarthArXiv (Geowissenschaften), medRxiv (Medizin) und ChemRxiv (Chemie).
Die Funktionalitäten sind je nach Plattform unterschiedlich. In der Regel kann, z. B. nach Annahme des Artikels durch eine Zeitschrift, eine aktualisierte Version hochgeladen und auf die Zeitschriftenversion verwiesen werden. Manche Plattformen bieten auch eine Kommentarfunktion, um den Autor*innen Feedback zu geben und die Ergebnisse in der Community zu diskutieren.
Geschichte von Preprints
Bereits in den 1960er-Jahren gab es in der Biologie ein System, in dem über eine zentrale Stelle aktuelle Forschungsergebnisse, insbesondere in Form von Vorabversionen von Artikeln, vervielfältigt und per Post versandt wurden (Cobb, 2017). Auch in der Hochenergiephysik wurde Ähnliches praktiziert (Gentil-Beccot et al., 2009). Mit dem Aufkommen des Internets wurde der Austausch von Manuskripten wesentlich einfacher, die nun per E-Mail verbreitet werden konnten. 1991 gründete Paul Ginsparg am Los Alamos National Laboratory arXiv als Server für Preprints aus der Hochenergiephysik (Ginsparg, 2017). Die Manuskripte standen damit allen Interessierten frei zur Verfügung. arXiv öffnete sich auch für andere Gebiete der Physik sowie für Mathematik, Informatik und angrenzende Gebiete wie Finanzmathematik oder Quantitative Biologie. Von 2001 bis 2026 wurde arXiv von der Cornell University betrieben; seit dem 1. Juli 2026 ist es eine unabhängige gemeinnützige Organisation.
Erst nach der Jahrtausendwende fand arXiv Nachahmer in anderen Fächern. So ging 2013 bioRxiv als Preprint-Server für die Biologie an den Start, wodurch die Verbreitung von Preprints auch in den Lebenswissenschaften populärer wurde. In der Biologie propagiert die Initiative ASAPbio die Nutzung von Preprints. Begünstigt durch den Erfolg des Open Science Frameworks (OSF), einer Open-Source-Infrastruktur, die das Suchen nach Preprints ermöglicht, gab es ab 2016 einen regelrechten Boom an Preprint-Servern für die unterschiedlichsten Fachgebiete. Dennoch ist die Akzeptanz von Preprints und die Bereitschaft, sie zu teilen, nach wie vor je nach Fachgebiet sehr unterschiedlich ausgeprägt. Während der Covid-19-Pandemie spielen Preprints eine wichtige Rolle in der raschen Verbreitung, Prüfung und Korrektur von Forschungsergebnissen zum SARS-CoV-2-Virus (Fraser et al., 2021; Gianola et al., 2020).
Wie stark die Bedeutung von Preprints in den letzten Jahren zugenommen hat, verdeutlicht diese Grafik zu Preprints in den Biowissenschaften:
Preprints und Open Science
Anders als Zeitschriftenartikel, die sich häufig hinter einer Bezahlschranke befinden, sind Preprints dauerhaft frei zugänglich und bilden damit einen wichtigen Baustein des grünen Wegs zu Open Access. Wenn sie mit der Zeitschriftenversion verlinkt sind, können sie über Dienste wie Unpaywall gefunden werden, falls der Zeitschriftenartikel nicht frei zugänglich ist. Zusätzlich machen Preprints den Prozess des Gewinns und der Kommunikation von wissenschaftlichen Erkenntnissen transparenter. Sie ermöglichen noch vor der endgültigen Veröffentlichung eine kritische Diskussion in der Community, die Autor*innen können somit zusätzliches Feedback zu den eigentlichen Gutachten erhalten und berücksichtigen. Preprints bilden so die Grundlage für informelles oder formalisiertes Open Peer Review (Frick, 2020), bei dem Gutachten öffentlich sichtbar werden und Leser*innen die Bewertung besser nachvollziehen können. Dadurch kann Begutachtung transparenter, inklusiver und kollegialer werden als in rein geschlossenen Journalverfahren (Avissar-Whiting et al., 2024).
Overlay-Journals
Preprint-Server ermöglichen die Herausgabe von sogenannten Overlay-Journals (Rousi & Laakso, 2024). Das sind Online-Zeitschriften, die die Infrastruktur einer Preprint-Plattform, insbesondere von arXiv, zur Einreichung und Veröffentlichung nutzen. Autor*innen laden die Artikel auf arXiv hoch und melden sie bei der entsprechenden Zeitschrift, die den Begutachtungsprozess organisiert und bei Annahme des Artikels diesen in die Zeitschrift aufnimmt, also von ihrer Webseite verlinkt, mit einer Nummer, DOI und ggf. einem Kommentar der Herausgeber*innen versieht. Auf diese Weise werden die Vorteile von arXiv (kostengünstig, frei zugänglich, bekannte Infrastruktur) mit den Vorteilen einer Zeitschrift (begutachtet, Renommee, ggf. Impact Factor) kombiniert. Erfolgreiche Beispiele sind SIGMA: Symmetry, Integrability and Geometry: Methods and Applications, Logical Methods in Computer Science (LMCS), Discrete Analysis oder Quantum.
Die Overlay-Journal-Bewegung befindet sich noch in einem frühen Stadium. Die derzeitige Anzahl von Overlay-Zeitschriften ist im Vergleich zur Gesamtzahl der Open-Access-Zeitschriften gering, jedoch zeigen die Studien (z. B. Rousi & Laakso, 2024), dass in letzter Zeit aktiv neue Overlay-Zeitschriften gegründet wurden.
Die Forschungsbereiche der Overlay-Zeitschriften konzentrieren sich vor allem auf Zeitschriften aus den Bereichen Informatik, Mathematik und Naturwissenschaften; zu den kürzlich gegründeten Overlay-Zeitschriften gehören jedoch auch medizinische, biologische und multidisziplinäre Forschungsbereiche (Rousi & Laakso, 2024). Overlay-Zeitschriften werden in der Regel von Gruppen von Wissenschaftlern und nicht von formellen Organisationen herausgegeben (Rousi & Laakso, 2024).
Fazit
Preprints beschleunigen nicht nur die Verbreitung wissenschaftlicher Ergebnisse, sondern stärken auch Sichtbarkeit, Zugänglichkeit, frühes fachliches Feedback und Transparenz im Publikationsprozess (Blatch-Jones et al., 2023; Smart, 2022). Zugleich eröffnen sie neue Möglichkeiten für offenes Peer Review und für eine stärker communitybasierte wissenschaftliche Qualitätsdiskussion (Avissar-Whiting et al., 2024). Damit sind Preprints heute nicht nur eine Vorstufe zur Zeitschriftenpublikation, sondern ein eigenständiger und zunehmend wichtiger Baustein offener Wissenschaftskommunikation.
Literatur
- Avissar-Whiting, M., Belliard, F., Bertozzi, S. M., Brand, A., Brown, K., Clément-Stoneham, G., Dawson, S., Dey, G., Ecer, D., Edmunds, S. C., Farley, A., Fischer, T. D., Franko, M., Fraser, J. S., Funk, K., Ganier, C., Harrison, M., Hatch, A., Hazlett, H., Hindle, S. et al. (2024). Recommendations for accelerating open preprint peer review to improve the culture of science. PLoS biology, 22(2), e3002502. https://doi.org/10.1371/journal.pbio.3002502
- Blatch-Jones, A., Recio Saucedo, A., & Giddins, E. (2023, June 27–28). A scoping review on the use and acceptability of preprints [Paper presentation]. Faculty of Medicine Research Conference, University of Southampton, Southampton, United Kingdom.
- Cobb, M. (2017). The prehistory of biology preprints: A forgotten experiment from the 1960s. PLOS Biology, 15(11). https://doi.org/10.1371/journal.pbio.2003995
- Fraser, N., Brierley, L., Dey, G., Polka, J. K., Pálfy, M., Nanni, F., & Coates, J. A. (2021). Preprinting the COVID-19 pandemic. bioRxiv. https://doi.org/10.1101/2020.05.22.111294
- Frick, C. (2020). Peer-Review im Rampenlicht. Ein prominentes Fallbeispiel. Informationspraxis, 6(2). https://doi.org/10.11588/ip.2020.2.74406
- Gentil-Beccot, A., Mele, S., & Brooks, T. (2009). Citing and Reading Behaviours in High-Energy Physics. How a Community Stopped Worrying about Journals and Learned to Love Repositories. arXiv. https://arxiv.org/abs/0906.5418
- Gianola, S., Jesus, T. S., Bargeri, S., & Castellini, G. (2020). Characteristics of academic publications, preprints, and registered clinical trials on the COVID-19 pandemic. PLoS ONE, 15(10). https://doi.org/10.1371/journal.pone.0240123
- Ginsparg, P. (2017). Preprint Déjà Vu: an FAQ. arXiv. https://arxiv.org/abs/1706.04188
- Huisman, J., & Smits, J. (2017). Duration and quality of the peer review process: the author’s perspective. Scientometrics, 113, 633–650. https://doi.org/10.1007/s11192-017-2310-5
- Rastogi, C., Stelmakh, I., Shen, X., Meila, M., Echenique, F., Chawla, S., & Shah, N. B. (2022). To ArXiv or not to ArXiv: A study quantifying pros and cons of posting preprints online. arXiv. https://doi.org/10.48550/arXiv.2203.17259
- Rousi, A. M., & Laakso, M. (2024). Overlay journals: A study of the current landscape. Journal of Librarianship and Information Science, 56(1), 15-28.
- Smart, P. (2022). The evolution, benefits, and challenges of preprints and their interaction with journals. Science Editing, 9(1), 79–84.
Weiterführende Literatur
- Ettinger, C., Sadanandappa, M. K., Görgülü, K., Coghlan, K., Hallenbeck, K. K., & Puebla, I. (2022). A guide to preprinting for Early Career Researchers [OSF Preprints]. https://doi.org/10.31219/osf.io/e59tk