Intro
Der Forschungsdatenmanagement-Zyklus
Das erfahren Sie in diesem Artikel
Forschungsdaten und deren eigenständige Publikation werden zunehmend unverzichtbar.
Die FAIR-Prinzipien sind ein Quasi-Standard für Forschungsdaten.
Organisatorische, rechtliche und infrastrukturelle Hürden vor der Publikation sind überwindbar.
Forschungsdaten
Wissenschaftliche Erkenntnisse in Textform basieren in der Regel auf Forschungsdaten. Diese können dabei die unterschiedlichsten Ausprägungen annehmen, sie umfassen sämtliche im wissenschaftlichen Prozess entstehenden (digitalen) Daten, z. B. durch Messungen, Simulationen, Befragungen, Quellenarbeit oder Code und Software. Das Management dieser Forschungsdaten ist inzwischen elementarer Bestandteil guter wissenschaftlicher Praxis und in vielen Einrichtungen in Policies institutionell verankert. Wurden in der Vergangenheit Forschungsdaten als Beiwerk zu Publikationen oft stiefmütterlich behandelt, der Form halber zur Verfügung gestellt oder nur auf Anfrage herausgegeben, ist ein starker Trend zur eigenständigen und prominenten Publikation von Forschungsdaten in offener Form zu erkennen. In manchen Disziplinen ist die Publikation der Daten auf dem Weg, das Hauptergebnis wissenschaftlicher Arbeit zu werden.
Warum Forschungsdaten veröffentlichen?
Forschungsdaten ermöglichen die Replikation und die Nachvollziehbarkeit wissenschaftlicher Ergebnisse. Sie sind die Grundlage für transparente Wissenschaft. Die Nachnutzbarkeit fördert die Re-Analyse von Daten, das Zusammenfügen von verschiedenen Datenquellen und damit die Chance, mit bestehenden Daten weitergehende Forschung zu betreiben und neue Erkenntnisse zu erzielen. Nachnutzbarkeit umfasst dabei im Idealfall das Recht, die Daten herunterzuladen, zu kopieren, zu verbreiten, maschinell zu verarbeiten und sie ohne finanzielle, technische oder rechtliche Einschränkungen nutzen zu können. Die Publikation von Forschungsdaten ermöglicht deren Zitierbarkeit und trägt damit zur wissenschaftlichen Reputation der Urheber*innen bei. Durch von Initiativen wie der Coalition for Open Research Assessment (CoARA) getriebene Reformen der Forschungsbewertung werden Forschungsdaten zunehmend als eigenständige wissenschaftliche Leistung anerkannt.
Positionen und Treiber
Die Europäische Union (EU) hat im Jahr 2016 im Förderprogramm Horizon 2020 den Open Research Data Pilot integriert. Dieser sah die Veröffentlichung von Forschungsdaten unter der Prämisse
"as open as possible, as closed as necessary"
vor. Eine Teilnahme war freiwillig. Im bis 2027 gültigen Nachfolgeprogramm Horizon Europe wird Open Science zum modus operandi ernannt und Open Access bei Text- und Datenpublikationen sowie eine Bereitstellung der Daten nach den FAIR-Prinzipien vorgeschrieben.
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) nennt die Bereitstellung von Daten nach den FAIR-Prinzipien sowohl in den Leitlinien zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis wie auch in den separat herausgegebenen Leitlinien zum Umgang mit Forschungsda­ten. Statements zum Forschungsdatenmanagement und Datenmanagementpläne sind bei Anträgen verpflichtend und fließen in die Bewertung ein. Angaben zur Weiterverwendung und Verwertung der Daten verlangen beispielsweise auch das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) oder forschungsfördernde Stiftungen. Als weiterer Treiber hat sich die von Bund und Länder gemeinsame finanzierte Nationale Forschungsdateninfrastruktur (NFDI) erwiesen. Durch die Arbeit in 26 Konsortien werden laut Selbstbeschreibung der NFDI „wertvolle Datenbestände von Wissenschaft und Forschung für das gesamte deutsche Wissenschaftssystem systematisch erschlossen, vernetzt und nachhaltig sowie qualitativ nutzbar gemacht.“
„wertvolle Datenbestände von Wissenschaft und Forschung für das gesamte deutsche Wissenschaftssystem systematisch erschlossen, vernetzt und nachhaltig sowie qualitativ nutzbar gemacht.“
Der Österreichische Wissenschaftsfonds (FWF) hat 2019 eine Open Access Policy für Forschungsdaten eingeführt. Darin verpflichtet seine Förderempfänger seit 2019 zur Erstellung eines Datenmanagementplans (DMP) und zum offenen Zugang zu Forschungsdaten, „die den wissenschaftlichen Publikationen des Projekts zugrunde liegen“. Der Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds (WWTF) verpflichtet in seiner Open Science Policy zwar nicht zum offenen Zugang zu Forschungsdaten, empfiehlt jedoch nachdrücklich die Bereitstellung gemeinsam nutzbarer Forschungsdaten. Die 2022 in Kraft getretene nationale Open Science Policy setzt sich u. a. die Veröffentlichung von Forschungsdaten anhand der FAIR-Prinzipien zum Ziel. Außerdem haben einige Universitäten eine FDM-Policy oder -Richtlinie verabschiedet.
Weitere Informationen finden sich auf den Österreich-Seiten von forschungsdaten.info.
Der Schweizerische Nationalfonds (SNF) erachtet den offenen Zugriff auf Forschungsdaten ebenfalls als einen wesentlichen Beitrag.
Weitere Informationen finden sich in Englischer Sprache auf den Schweiz-Seiten von forschungsdaten.info.
Auch bei Forschungsdaten ist ein Argument für den offenen Zugang, dass ihre Herstellung mit öffentlichen Mitteln gefördert wurde. Die Berliner Erklärung hat bereits früh Daten als Objekte genannt, deren offene Verfügbarkeit angestrebt wird.
Neben der intrinsischen Motivation, durch ein gutes Datenmanagement in zunehmend datengetriebener Forschung effizienter arbeiten zu können und selbst von offenen Daten zu profitieren, sind die Forschungsförderer der wichtigste Treiber für die Publikation von Daten.
FAIR-Prinzipien
Verschiedene nationale und internationale Forschungsförderer wie die EU und die DFG zielen in ihren Richtlinien auf die FAIR-Prinzipien ab, die NFDI hat sich zum Ziel gesetzt, Daten „FAIRfügbar“ zu machen. Das Akronym FAIR steht für Findable (Auffindbar), Accessible (Zugänglich), Interoperable (Interoperabel) und Reusable (Wiederverwendbar). Geprägt wurde der Begriff FAIR von der FORCE11-Community und am 15. März 2016 in Scientific Data publiziert (Wilkinson et al., 2016), eine Befürwortung findet sich unter anderem in der Abschlusserklärung vom G20-Gipfel in Hangzhou 2016. Die FAIR-Prinzipien sind auf bestem Wege ein international anerkannter Standard im Umgang mit Forschungsdaten zu werden. FAIRe Daten bedeuten dabei nicht zwangsläufig, dass alle Daten offen zur Verfügung stehen.
Die vier einzelnen Elemente von FAIR bedeuten:
- Auffindbar: Damit Daten nachgenutzt werden können, müssen diese leicht auffindbar sein. Dazu sind Daten mit umfassenden menschen- und maschinenlesbaren Metadaten beschrieben.
- Zugänglich: Der Zugriff auf die gefundenen Daten muss nach klaren Regeln möglich sein, Authentifizierung und Autorisierung müssen definiert sein.
- Interoperabel: Zur Nutzung und zur Integration mit anderen Daten ist eine Verwendung einer zugänglichen und allgemein verwendbaren Sprache für die Wissensrepräsentation notwendig, Metadaten folgen standardisierten Vokabularien.
- Wiederverwendbar: Die Beschreibung der Daten und der Metadaten ermöglicht die Nutzung in unterschiedlichen Kontexten, geeignete Datennutzungslizenzen werden verwendet und die Daten entsprechen domänenrelevanten Community-Standards.
Ergänzt werden die FAIR-Prinzipien durch die CARE-Prinzipien. Das Akronym steht für Collective Benefit, Authority to Control, Responsibility und Ethics. Auf Grundlage der CARE-Prinzipien werden Forschende dafür sensibilisiert, im Rahmen der Bemühungen um Open Data und Open Science die Rechte und Interessen indigener Gemeinschaften zu wahren – unabhängig davon, ob sich deren Forschung dezidiert mit den Gemeinschaften selbst befasst oder diese anderweitig berührt.
Für Forschungssoftware wurden die FAIR-Prinzipien in Form der FAIR4RS-Prinzipien ergänzt.
Im Zusammenhang mit der KI-Transformation kann das FAIR-Akronym auch für Fully AI Ready Data stehen. Es sagt aus, dass nach den FAIR-Prinzipien verarbeitete Daten meistens automatisch auch maschinenlesbar und damit durch KI verarbeitbar sind.
Publikation
Bei der Publikation von Forschungsdaten ist ein geeignetes Repositorium auszuwählen, das möglichst einen Open-Access-Zugriff auf die Daten anbietet. Dabei ist die Wahl eines fachspezifischen und in der Community etablierten Repositoriums immer zu bevorzugen, da sich die eigenen Daten damit in einem guten fachlichen Kontext befinden und die Auffindbarkeit erleichtert wird. Zur Auswahl eines Datenrepositoriums kann der Verzeichnisdienst re3data genutzt werden. Falls kein passendes Repositorium gefunden werden kann, so ist ein Rückgriff auf allgemeine oder institutionelle Repositorien möglich. Bekannte Vertreter für generische Repositorien sind Zenodo oder Dataverse.
Um die Bereitstellung und Auffindbarkeit langfristig zu garantieren, ist die Vergabe einer dauerhaften Adresse notwendig. Dieser persistente Identifikator sichert auch die Zitierbarkeit der Datensätze. Bevorzugte Identifikatoren sind die vom Verbund DataCite vergebenen DOIs.
Vor der Veröffentlichung von Daten ist eine Kuration der Daten nach den FAIR-Prinzipien dringend angeraten, denn die Nachnutzbarkeit von Daten wird stark eingeschränkt, wenn diese nicht über ausreichende Beschreibungen und Meta­daten verfügen. Metadaten sollten dabei frühestmöglich im Forschungsprozess vergeben werden und umfassen sowohl technische (Beispiel: Wann und von wem wurde der Datensatz erhoben?) wie auch inhaltliche Metadaten (Beispiel: Was steht in den einzelnen Variablen?). Für zahlreiche Disziplinen gibt es dabei spezifische Standards, die insbesondere von den NFDI-Konsortien vorangetrieben, gepflegt und veröffentlicht werden (siehe den Metadata Standards Catalog). Bei der Kuration werden die Daten vor allem technisch überprüft. Dies umfasst das Datenformat, den grundsätzlichen Zugriff und die formale Korrektheit. Beim Datenformat ist z. B. auf langfristig zugreifbare und offene Datenformate zu setzen. Die inhaltliche Überprüfung muss durch die Wissenschaftler*innen weitestgehend selbst geleistet werden. Am Ende der Kuration steht die Wahl einer geeigneten Lizenz. Hier haben sich die Creative-Commons-Lizenzen bewährt (nähere Informationen hierzu bietet das Portal forschungsdaten.info). CC-Lizenzen sind jedoch nicht für die Lizensierung von Code oder Software geeignet. Hierfür gibt es spezielle Softwarelizenzen.
Praxistipp
Tipps und Tricks, wie Forschungsdaten der Community offen bereit gestellt werden können, gibt es hier in den Folien zum Open Access Talk Forschungsdaten & Open Access - so publizieren Sie Ihre Daten.
Herausforderungen
Drei wichtige Herausforderungen sollten im Forschungsdatenmanagement (FDM) und im Publikationsprozess als überwindbare Hürden genannt werden:
Organisatorisch
Das Management und die Kuration der Daten erfordert zusätzliche Kompetenzen. Neue Berufsbilder wie Data Curator, Data Steward oder Data Scientist sind entstanden und Forschungs- und Infrastruktureinrichtungen müssen entsprechende Ressourcen bereitstellen und Mitarbeiter*innen weiter- und ausbilden. Forschungsförderer finanzieren inzwischen Data Stewards z. B. in Sonderforschungsbereichen oder Exzellenzclustern. Den gestiegenen Anforderungen müssen Institutionen in Form von Policies und angepassten Abläufen begegnen.
Rechtlich
Forschungsdaten können personenbezogen und sehr sensitiv sein. Diese Daten müssen vor der Veröffentlichung anonymisiert oder im Zugriff so eingeschränkt werden, dass keine Datenschutzrechte verletzt werden. Auch die Berücksichtigung urheberrechtlicher Aspekte im Zusammenhang mit Forschungsdaten ist nicht zu vernachlässigen. Dies betrifft sowohl die Publikation eigener wie auch die Nachnutzung existierender Daten. Eine rechtliche Beratung zu einem frühen Zeitpunkt im Forschungsprozess ist dringend anzuraten.
Infrastruktur
Die entstehenden Datenmengen können – besonders in den Naturwissenschaften – sehr schnell sehr groß werden und aus den Erfahrungen der Vergangenheit wird die Datenmenge stetig wachsen. Der Umgang mit Daten im Petabyte-Bereich stellt Anforderungen an die Speicherung, Sicherung, Archivierung und die Übertragung dieser Daten.
Vorbehalte
Eine oft geäußerte Kritik aus der Wissenschaft liegt in der Sorge begründet, dass andere zu stark vom eigenen Datenschatz profitieren und man selbst nicht die nötige Reputation für die wissenschaftliche Karriere erzielen kann. Dazu ist klarzustellen, dass eine Veröffentlichung so früh und so umfangreich wie möglich anzustreben ist. Dies lässt aber weiterhin zu, dass Daten erst zu einem späteren Zeitpunkt, nach der Auswertung oder mit einem Embargo versehen, veröffentlicht werden. Durch angestrebte Reformen in der Forschungsbewertung wird diesem Vorbehalt ebenso begegnet. Die Hoheit über die Daten kann beim Erzeugenden verbleiben. Ebenfalls oft genannt wird der zusätzliche Aufwand für den geforderten Umgang mit den Daten. Hierzu ist es bereits jetzt möglich, im Rahmen der Beantragung von Forschungsförderung auch Mittel für diesen Aufwand zu erhalten. Datenmanagement muss als zentraler Bestandteil von wissenschaftlicher Forschung angesehen und personell und finanziell ausreichend ausgestattet werden.
Ausblick
Der Prozess der letzten Jahre wird sich weiter verstärken. Die Veröffentlichung, Nachnutzung und Verknüpfung von Forschungsdaten haben sich zum wissenschaftlichen Standard entwickelt. Viele Journals fordern inzwischen die Einhaltung von Data Availability Statements bei Einreichungen. Außerdem etablieren sich spezielle Data- und Software-Journals als zusätzlicher Publikationsort für Forschungsdaten zusätzlich zu Repositorien.
Es ist insgesamt zu erwarten, dass die Grenzen zwischen Open Access, Textpublikationen und Forschungsdaten zunehmend verschwimmen, sich die Themen und Aufgaben überlappen und unter dem Sammelbegriff Open Science ein Mentalitätswandel in der Wissenschaft herbeigeführt wird. Zur Akzeptanz in der Wissenschaft müssen Daten und der Umgang mit diesen als wissenschaftliche Leistung anerkannt werden.
Literatur
- Wilkinson, M. D., Dumontier, M., Aalbersberg, Ij. J., Appleton, G., Axton, M., Baak, A., Blomberg, N., Boiten, J.-W., Bonino da Silva Santos, L., Bourne, P. E., Bouwman, J., Brookes, A. J., Clark, T., Crosas, M., Dillo, I., Dumon, O., Edmunds, S., Evelo, C. T., Finkers, R., … Mons, B. (2016). The FAIR Guiding Principles for scientific data management and stewardship. Scientific Data, 3. https://doi.org/10.1038/sdata.2016.18
Weiterführende Literatur
- Österreichischer Wissenschaftsfonds (FWF) (o. J.): Open-Access-Policy für Forschungsdaten. https://www.fwf.ac.at/ueber-uns/aufgaben-und-aktivitaeten/open-science/open-access-policy/open-access-policy-fuer-forschungsdaten
- Putnings, M., Neuroth, H., & Neumann, J. (2021). Praxishandbuch Forschungsdatenmanagement. de Gruyter. https://doi.org/10.1515/9783110657807
- Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds (WWTF) (o. J.): Open Science Policy. https://wiki.wwtf.at/books/open-science-policy/page/open-science-policy-gultig-ab-112026
Weiterführende Links
- forschungsdaten.info – Deutschsprachige Informationsplattform zu Forschungsdaten
- go-fair.org/ – Go Fair Initiative
- re3data.org – Verzeichnis von Datenrepositorien
Bearbeitung der Inhalte der Seite: Matthias Landwehr, Universität Konstanz (Stand: Mai 2026).
Besonderen Dank an Anna-Karina Renziehausen, TIB – Leibniz-Informationszentrum Technik und Naturwissenschaften.