Open-Access-Bücher

Open Access in 60 Sekunden

Video zu Open Access. (CC BY 3.0 DE)
Quelle: Brinken, H., Hauss, J. &  Rücknagel, J. (2021). Open Access in 60 Sekunden, open-access.network. https://doi.org/10.5446/50831

Das erfahren Sie in diesem Artikel

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Open Access hat sich im Bereich der Buchpublikationen in den letzten Jahren zu einem hochgradig dynamischen Feld entwickelt.

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Die Publikationslandschaft wissenschaftlicher Bücher ist sehr heterogen, sodass die bei Zeitschriften etablierten Open-Access-Modelle nicht einfach übertragen werden können.

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Auch im Bereich der Open-Access-Bücher ist inzwischen eine leistungsfähige Infrastruktur mit verschiedenen Publikations- und Finanzierungsmöglichkeiten entstanden.

Open Access bei Büchern – dieses lange vernachlässigte Thema hat in den letzten Jahren enorm an Bedeutung gewonnen. Bis in die 2010er-Jahre hinein legten Forschungsförderer, Bibliotheken, Verlage und Autor*innen den Schwerpunkt ihrer Open-Access-Aktivitäten auf den Bereich wissenschaftlicher Zeitschriften. Doch inzwischen haben die Stakeholder im wissenschaftlichen Publikationswesen auch die enormen Potenziale von Open Access für Bücher erkannt und Maßnahmen zur Transformation eingeleitet (Bargheer et al., 2017; Ferwerda et al., 2017; Stone & Marques, 2018). Die Durchführung zahlreicher Studien und Projekte auf nationaler und internationaler Ebene, verbesserte Förderstrukturen und neue Finanzierungsmodelle sowie lebendige Initiativen, Arbeitsgruppen und Diskussionsforen zeigen dies eindrucksvoll.

Wissenschaftliche Bücher: Bedeutung und Ausprägungen

Vor allem in den Geistes- und Sozialwissenschaften nimmt das Buch als Publi­kationsform weiterhin eine wichtige Rolle ein. Die textorientierten Disziplinen verwenden das umfangreichere Buchformat im Sinne des long arguments, in welchem der theoretische Ansatz umfangreich dargelegt werden muss. Auch die Ergebnisse inter- und transdisziplinärer Forschung lassen sich nur einge­schränkt in Form einer Forschungsberichterstattung publizieren, wie es in Zeitschriftenartikeln möglich ist.

Gängige Ausprägungen sind Monografien, Sammelbände oder Konferenzbände. In der Regel erscheinen wissenschaftliche Bücher in verschiedenen Ausgaben: als digitale Publikation bzw. E-Book und zusätzlich als gedruckter Band. Veröff­entlicht werden sie entweder in Reihen oder als singuläre Publikation. Inhaltlich und technisch ist ein Großteil der Open-Access-Bücher ein digitales Pendant zu einem gedruckten Buch, das neben seinem Inhalt in der Regel Navigations­elemente wie Inhalts- oder Abbildungsverzeichnisse aufweist. Durch die digitale Bereitstellung sind jedoch vertiefte Inhaltserschließungen durch Mehrfach­apparate (Fußnoten, Endnoten, kritische Editionen) sowie auch Anreicherungen durch Links auf weitere Wissensbestände wie Wikipedia, Fachdatenbanken oder Primärquellen und Digitalisate möglich. Außerdem können bei E-Books Forschungsdaten, virtuelle Forschungsumgebungen oder dynamische Objekte wie Skripte, Visualisierungen oder Software eingebunden werden.

Was sind Open-Access-Bücher?

Um ein Open-Access-Buch handelt es sich, wenn der Zugriff auf das E-Book nicht durch Lizenz- oder Bezahlschranken begrenzt wird, sondern unmittelbar nach Erscheinen dauerhaft kostenfrei und nachnutzbar zur Verfügung steht. Einnahmen können Verlage solcher Bücher über Publikationsgebühren (Book Processing Charge, BPC) und den Verkauf der häufig im digitalen Print-on-Demand-Verfahren hergestellten Druckausgabe (Dual Publishing) erzielen, andere Verlage finanzieren die Grundkosten ihres Open-Access-Segments über Crowdfunding (z.B. Knowledge Unlatched, konsortiale Transformationsverträge) oder über institutionelle Mitgliedschaften (z.B. OBP, OLH oder Language Science Press).

Wie bei Open-Access-Zeitschriften sollten Autor*innen und Herausgeber*­innen von Sammelbänden den Verlagen oder Publikationsplattformen keine ausschließlichen Nutzungsrechte übertragen müssen. Zur Lizenzierung empfiehlt sich die Verwendung einer offenen Creative-Commons-Lizenz wie CC BY oder CC BY-SA. Studien legen nahe, dass Bücher durch eine Open-Access-Publikation eine größere und diversere Leser*innenschaft (Lucraft, 2021) gewinnen. Neben einer direkten Veröffentlichung über den goldenen Weg gibt es auch bei Büchern die Möglichkeit einer Zweitveröffentlichung über den grünen Weg des Open Access (siehe auch Grün und Gold).

Rückblick: Von der Zeitschriften- zur Monografienkrise

Die Gründe für die langjährige Vernachlässigung von Open Access bei Büchern reichen bis in die Anfänge der Bewegung zurück, die in den 1990er-Jahren unter dem Eindruck der Zeitschriftenkrise von den Naturwissenschaften ausging. Buchpublikationen spielen dort traditionell allenfalls eine marginale Rolle. Erst Mitte der 2000er-Jahre mehrten sich die Diskussionen über das Aufkommen einer Monografienkrise (vgl. Herb, 2015) als Folge der Zeitschriftenkrise. Steigende Buchpreise, Versorgungslücken in den Bibliotheken und Autor*innen, die während des Veröffentlichungsprozesses immer mehr Aufgaben selbst erledigen und dennoch teils hohe Druckkostenzuschüsse an die Verlage zahlen müssen: Die Probleme des Closed Access traten nun auch im Bereich wissenschaftlicher Bücher deutlich zutage.

Unterschiede zu Open-Access-Zeitschriften

Vor dem Hintergrund der Monografienkrise und der zunehmenden Etablierung von Open Access im Bereich der Zeitschriften wurde die Forderung nach Open Access auch in den Geistes- und Sozialwissenschaften lauter. Im Vergleich zu wissenschaftlichen Zeitschriften weist die Publikationslandschaft bei Büchern jedoch einige Besonderheiten auf, von denen hier die wichtigsten genannt werden sollen (vgl. Snijder, 2019; Open Access Books Toolkit, 2020):

  • In den Geistes- und Teilen der Sozialwissenschaften spielen kleine und mittelgroße Buchverlage mit hohem Renommee in ihren Spezialgebieten eine bedeutende Rolle. Enge Beziehungen zwischen Autor*innen und Verlagen sind dabei keine Seltenheit. Beide Gruppen stehen Open Access teils abwartend bis kritisch gegenüber, auch weil es den Beteiligten in diesem Setting schwerer fällt, die notwendigen Kompetenzen im sich schnell wandelnden Publikationswesen vorzuhalten. So ist z.B. das Wissen um die Selbstarchivierungsrechte der Urheber*innen nicht flächen­deckend vorhanden. Häufig müssen sie mit den Verlagen in Verhandlung treten, um sich die Rechte zur Bereitstellung auf einem Repositorium zu sichern.
  • Im Gegensatz zu wissenschaftlichen Zeitschriften sind Druckausgaben bei Büchern trotz generell rückläufiger Verkaufszahlen weiterhin von Bedeutung und werden nicht zuletzt auch von den Autor*innen gewünscht. Die Verbreitungskanäle und Rezeptionsprozesse sind weiterhin auf die Verarbeitung von physischen und kostenpflichtigen Objekten ausgerichtet.
  • Buch ist nicht gleich Buch: Die Bandbreite reicht von einfachen Sammel- und Konferenzbänden über aufwändig gestaltete, mehrere hundert Seiten umfassende Monografien bis hin zu experimentellen, multimedial angereicherten Publikationsprojekten.
  • Einreichungs-, Begutachtungs- und Redaktionsprozesse sind weniger standardisiert als im Zeitschriftenbereich. Gerade im deutschsprachigen Raum zeichnen häufig die Herausgeber*innen oder Verlagsmitarbeiter*­innen in einem Editorial Review für die Qualitätskontrolle verantwortlich.
  • Die Kosten für die Veröffentlichung von Open-Access-Büchern variieren stark, liegen aber in der Regel durch den höheren Umfang über denen von Artikeln in Open-Access-Zeitschriften. Hinzu kommt, dass bestimmte Buch­typen wie Handbücher, Lexika oder Editionen aufwendige redaktionelle Prozesse erfordern, die seitens der Verlage eingepreist werden. Dies bedeutet jedoch nicht, dass Open-Access-Bücher in der Kosteneffizienz hinter Zeitschriften zurückstehen. Bei den hochpreisigen Open-Access-Zeitschriften kommerzieller Verlage liegt der Preis pro Seite sogar mehrfach über dem, was für die überwiegende Mehrheit von Buchprojekten aufgerufen wird.

All diese Faktoren machen deutlich, dass die für Zeitschriften entwickelten Modelle und Werkzeuge auf die spezifischen Anforderungen von Open-Access-Büchern angepasst werden müssen, um ihr Potenzial voll entfalten zu können. Dies gilt nicht zuletzt im Hinblick auf die Entwicklung nachhaltiger Geschäfts­modelle für kleine und mittlere Verlage (siehe hierzu auch das internationale Projekt Community-led Open Publication Infrastructures for Monographs, COPIM), den Aufbau geeigneter Publikationsinfrastrukturen oder die Entwick­lung adäquater Förderinstrumente. Sowohl das Bundesministerium für Bil­dung und Forschung (BMBF) als auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) haben hierfür jüngst Programme aufgelegt (BMBF: Richtlinie zur Förderung von Projekten zur Beschleunigung der Transformation zu Open Access, 2020; DFG: Förderprogramm Open-Access-Publikationskosten, ab 2021), die diese Herausforderungen adressieren.

Open-Access-Angebote für Bücher

Video zum Publizieren von Open-Access-Büchern. (CC BY 3.0 DE)
Quelle: Stern, Niels: Publishing your book in Open Access?, open-access.network. https://doi.org/10.5446/52108

Auch wenn es im Rahmen der Open-Access-Transformation von Büchern noch zahlreiche Herausforderungen zu meistern gilt, haben Autor*innen bereits jetzt umfassende Möglichkeiten, ein Open-Access-Buch zu publizieren. Viele etab­lierte Verlage haben Open-Access-Modelle in ihr Portfolio aufgenommen und bieten Veröffentlichungen über den goldenen Weg unter Verwendung von CC-Lizenzen an. Auch bezüglich einer Zweitveröffentlichung nach einer Embargo­frist über den grünen Weg besteht häufig Gesprächsbereitschaft. Die verlags­seitig vielfach geäußerte Befürchtung, Open Access führe zu gravierenden Einbrüchen in den Verkaufszahlen der Druckausgaben, wurde inzwischen in verschiedenen Studien entkräftet (Graf et al., 2020; Snijder, 2019; Collins & Milloy, 2016).

Eine preiswerte und qualitativ hochwertige Alternative zu kommerziellen Verlagen stellen die von Universitäten oder deren Bibliotheken betriebenen wissenschaftsnahen Verlage dar, von denen sich eine Mehrheit in der Arbeits­gemeinschaft der Universitätsverlage zusammengeschlossen haben. Gemein­sam haben sie verschiedene Materialien rund um das Open-Access-Publizieren von Büchern erstellt, darunter auch ein Papier zu Qualitätsstandards (AG Universitätsverlage, 2018), das auch für die Prüfung eines Open-Access-Angebots und die Auswahl eines Verlags hilfreich ist.

Schließlich gibt es ähnlich wie bei Zeitschriften inzwischen auch einige von Wissenschaftler*innen gegründete Verlagsinitiativen (z. B. den Zusammen­schluss ScholarLed), die sich einem fairen Open Access verpflichtet fühlen und sich durch eine hohe Transparenz bezüglich ihrer Geschäftsmodelle auszeich­nen (vgl. Nordhoff, 2018; Barnes & Gatti, 2020). Inzwischen werden wissen­schaftliche Bücher auch vermehrt über Plattformen des institutionellen Publi­zierens (OMP, PubPub, Janeway) veröffentlicht, bei denen kein verlegerisches Geschäftsmodell zum Tragen kommt, sondern die Plattformen als Gemein­schaftsgut finanziert werden, was spezifische Herausforderungen mit sich bringt.

Finanzierung

Um die Autor*innen und Herausgeber*innen finanziell zu entlasten, stellen inzwischen viele Einrichtungen spezielle Mittel für Open-Access-Bücher bereit. Auch auf Länderebene befinden sich Publikationsfonds im Aufbau. Die DFG unterstützt Institutionen in ihrem 2021 neu eingerichteten Förderprogramm Open-Access-Publikationskosten mit bis zu 5.000 € für in DFG-Projekten entstandene Bücher. Der gleiche Betrag kann im Rahmen der DFG-Projekt­förderung jährlich für Buchpublikationen über die projektinternen Publika­tionsmittel abgerufen werden. Zudem besteht für Quellen- und Werkeditionen sowie für Werke von besonderer wissenschaftlicher Bedeutung die Möglichkeit, Publikationsbeihilfen zu beantragen. In Österreich und der Schweiz haben FWF und SNF bereits seit geraumer Zeit dezidierte Förderprogramme zur Finanzierung von Open-Access-Büchern etabliert. Die ZEIT-Stiftung fördert in ihrem Programm Offene Wisssenschaft deutsch- und englischsprachige Open-Access-Publikationsprojekte aus den Geistes- und Sozialwissenschaften mit bis zu 10.000 €. Speziell an Nachwuchswissenschaftler*innen im Bereich der Digital Humanities richtet sich das 2021 eingeführte Stipendium für Open-Access-Bücher von DARIAH-EU, über das bis zu 7.000 € pro Buch bereitgestellt werden.

Video zur Finanzierung von Open-Access-Monographien. (CC BY 3.0 DE)
Quelle: Brinken, Helene (2020). Finanzierung von Open-Access-Monographien, open-access.network. https://doi.org/10.5446/49535

Open-Access-Bücher finden

Praxistipp

Zahlreiche Suchmaschinen sind auf Open-Access-Fachpublikationen spezialisiert und ermöglichen den weltweiten, kostenfreien Zugang auf Volltexte. Zudem gibt es spezielle Sucheinstiege für das Finden von Open-Access-Büchern. Einen Überblick bietet unser Praxistipp "Open Access Literatur finden".

Open-Access-Bücher sind an vielen Stellen nachgewiesen und häufig in den gewohnten Datenbanken und Suchmaschinen recherchierbar. Auf Open-Access-Inhalte spezialisiert ist die Suchmaschine BASE, die auch eine gezielte Suche nach Büchern oder Buchkapiteln ermöglicht. Zusätzlich sind Open-Access-Bücher auch gut über die gängigen Suchmaschinen wie z. B. Google Scholar zu finden. Eine wichtige Rolle in Bezug auf die Find- und Sichtbarkeit spielt das Directory of Open Access Books (DOAB) als zentrale Datenbank für Open-Access-Bücher, das sowohl fachspezifisch als auch nach Sprache und Verlag durchsucht werden kann. Dort hinterlegte Metadaten werden in diverse Bibliothekskataloge eingespeist. Auch die kombinierte Online-Bibliothek und Publikationsplattform von OAPEN (Open Access Publishing in European Networks) sowie geistes- und sozialwissenschaftliche Fachrepositorien wie media/rep/ oder SSOAR eignen sich für die Recherche nach Open-Access-Büchern. Einen Einstieg bieten zudem die fachspezifischen Einführungen auf open-access.network.

Fazit und Ausblick

Die Umsetzung von Open Access für Bücher ist über Jahrzehnte nur von sehr wenigen Akteur*innen systematisch betrieben worden und damit eine Randerscheinung geblieben. Auch wenn diese Pioniere das wissenschaftliche Potenzial von Open Access für die buchaffinen Disziplinen früh erkannt hatten, fehlte es an flächendeckenden Praktiken, Ansätzen und Anbietern. Doch auch wenn es noch immer Nachholbedarf gibt, ist dieser Bereich inzwischen von einer hohen Dynamik geprägt: Es werden umfassende Studien (z. B. in Projekten wie COPIM und OPERAS-P) durchgeführt, Publikationsfonds eingerichtet bzw. ausgebaut, neue Geschäftsmodelle entwickelt und neue Verlagsprojekte initiiert. Darüber hinaus werden Netzwerke wie das Open Access Books Network, ENABLE! oder die Fokusgruppe Open-Access-Bücher gegründet, Handreichungen und Empfehlungen formuliert (vgl. Adema, 2019; Godel et al., 2020) sowie Informationsplattformen wie das von OAPEN initiierte Open Access Books Toolkit erstellt. Von den insgesamt 20 ab 2021 durch das BMBF geförderten Projekten zur Beschleunigung der Transformation zu Open Access sind zudem weitere Impulse für die Open-Access-Transformation wissenschaftlicher Bücher zu erwarten.

Literatur