Wissenschaftsgeleitetes Publizieren

Intro

Das erfahren Sie in diesem Artikel

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Das wissenschaftsgeleitete Publizieren stellt eine vielversprechende Alternative zum Veröffentlichen in einem Verlag dar und leistet einen wertvollen Beitrag zur Bibliodiversität.

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Wissenschaftsgeleitete Zeitschriften zeichnet ein besonderes Potenzial zum Experimentieren und zur kritischen Hinterfragung des wissenschaftlichen Publizierens aus.

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Wissenschaftsgeleitete Zeitschriften stehen vor besonderen Herausforderungen bei der Förderung, der Positionierung innerhalb der jeweiligen wissenschaftlichen Community und der Aktivierung wichtiger Interessensgruppen.

Definition

Die Herausforderungen beim wissenschaftlichen Publizieren sind vielfältig: Es existieren unterschiedliche Formate und Zugangsmöglichkeiten, komplexe Prozesse der Qualitätssicherung, verschiedene Modelle der Verwaltung und Governance. Dem Monopol der kommerziellen Großverlage in der Wissensdissemination stehen zunehmend Wissenschaftler:innen gegenüber, die diesen Herausforderungen erfolgreich begegnen und ihre Forschungsergebnisse selbst veröffentlichen und verteilen. Dabei ist die Idee des qualitätsgesicherten Publizierens durch die Wissenschaft nicht neu, sondern geht auf Fach- und Gelehrtengesellschaften zurück, die seit jeher das wissenschaftliche Publizieren fördern und anleiten.

Im gegenwärtigen Open-Access-Ökosystem lassen sich als Alternative zum kommerziellen Verlagsmodell zwei Ausprägungen dieses wissenschaftsgeleiteten Publizierens ausmachen: “community-driven” und “scholar-led”. Diese Unterscheidung ist rein deskriptiv und lässt keine Rückschlüsse auf die Qualität oder Relevanz von Publikationsprojekten zu. Sie unterliegen schlicht anderen "Gegebenheiten und Dynamiken” und damit ggf. einem anderen “Handlungs- und Wertesystem” (vgl. Steiner 2022). Die Trennlinien zwischen beiden Modellen sind zudem je nach Kontext verschieden (vgl. zu der divergenten Verwendung der Begriffe in verschiedenen Publikationskulturen Steiner 2023). Beide Modelle haben zugleich wissenschaftspolitisch große Relevanz und leisten einen Beitrag zur wichtigen Bibliodiversität im System des wissenschaftlichen Publizierens.

Zum Weiterlesen: Statements der Wissenschaftspolitik

Scholar-led Publishing

Neben diesem Verständnis von “community-driven” als wissenschaftsgeleitetes Publizieren (vgl. Wrzesinski 2023), haben sich unterschiedliche Publikationsprojekte und -initiativen als “scholar-led” etabliert. Auch diese Projekte verstehen sich grundsätzlich als nicht-kommerziell und unabhängig; sie haben zudem oft einen DIY-Charakter und organisieren den gesamten Publikationsprozess selbst: “scholars”, d. h. Wissenschaftler:innen (auch außerhalb der Universität), übernehmen hier nicht nur die inhaltliche Arbeit, sondern bringen ebenso die technische, praktische und administrative Expertise mit, die es für die Publikation qualitätsgesicherter Beiträge braucht (vgl. Moore 2019). Entsprechend wird eine Beteiligung durch einen übergeordneten Verlag, eine Forschungsinstitution oder institutionelle Gesellschaften oder Verbände durch diese selbstverwalteten Projekte nach Möglichkeit vermieden.

Community-driven Publishing

Unter “community-driven” werden dabei jene Publikationsprojekte und Publikationsinitiativen gefasst, die nicht-kommerziell und jenseits von Großverlagen agieren. Das bei kommerziellen Verlagen gängige Erheben von Publikationsgebühren für Autor*innen (APCs, BPCs) wird üblicherweise vermieden und stattdessen werden gemeinschaftliche Finanzierungsmodelle (Konsortien) bevorzugt. Die hauptsächliche Verantwortung, die (Marken-)Rechte und auch die organisatorische Hoheit verbleiben bei der wissenschaftlichen Community, d. h. den wissenschaftlichen Herausgeber*innen, den wissenschaftlichen Institutionen (Universitäten, Zentren, Fachgesellschaften, Fachverbänden) oder Forschungsinfrastrukturen. Die technische Verantwortung (d. h. das Hosting der Webangebote, technische Produktion und Distribution) übernehmen nicht-kommerzielle Infrastrukturen und Anbieter, aber zunehmend auch Universitätsverlage sowie kleine und mittelständische Verlage (vgl. Schlosser 2019).

Praktiken und Prinzipien

Anregungen und Tipps für Herausgeber:innen

Wissenschaftsgeleitete Zeitschriften unterliegen nur bedingt jenen Zwängen, die für Zeitschriften in den Händen kommerzieller Verlage gelten. Da sie keinen Profit erwirtschaften müssen, können sie flexibel und unkonventionell sein, etwa wenn es um das Ausprobieren neuer Formen der Publikation und Verbreitung von Fachinhalten geht. Auch können sie durch ihre eigene Art der Governance bestimmte Grundannahmen des wissenschaftlichen Publizierens hinterfragen. Im folgenden haben wir einige Anregungen und Tipps für Herausgeber:innen und Redaktionen wissenschaftsgeleiteter Zeitschriften zusammengestellt.

Prinzipien der Zeitschriftenverwaltung

Wissenschaftliche Zeitschriften brauchen ein belastbares Konzept der Organisation und Übernahme von Verantwortlichkeit. Bei rein wissenschaftsgeleiteten Zeitschriften orientieren sich diese Prinzipien stärker am wissenschaftlichen Ethos der Kooperation und Zusammenarbeit als etwa an einem Wettbewerb um Autor*innen, Zitationshäufigkeiten oder konsequentem Wachstum. Diese Formen des Publizierens sind also stärker von Werten wie Verlässlichkeit und Gemeinwohl geleitet. Dieses Ausmachen einer Gemeinsamkeit bzw. eines Ziels erleichtert es praktisch, Ihre wissenschaftliche Community einzubinden (vgl. Moore & Adema, 2020). Überlegen Sie beispielsweise für Ihre Zeitschrift, ob Sie sich (stärker) in Zeitschriftennetzwerken engagieren. Das scholar-led.network in Deutschland oder das internationale Free Journal Network bieten ihren Mitgliedern Raum für Austausch und Vernetzung. Darüber hinaus können Allianzen mit anderen Interessengruppen im weiteren Umfeld Ihrer Zeitschrift sinnvoll sein: Haben Sie eine Verbindung zu Ihrer Fachgesellschaft? Zu regionalen oder überregionalen Fachbibliotheken? Zu Stiftungen, die Ihren publizistischen Werten und Zielen nahe stehen?

Schließlich machen diverse wissenschaftsgeleitete Zeitschriften es bereits vor, wie gegenwärtig gut und nachhaltig ‚gewirtschaftet‘ werden kann: Prüfen Sie in Ihrem jeweiligen Kontext, inwiefern unterschiedliche Finanzierungsquellen Ihre Zeitschrift unabhängiger machen können (vgl. Waidlein et al., 2021): Können Sie konsortiale Modelle (vgl. KOALA), Micro-Funding (vgl. Quartz OA; vgl. SciPost), Vereinsstrukturen oder Publikationspartnerschaften in Ihr Geschäftsmodell einbinden? Dies gelingt umso besser, wenn durch das kollaborative Arbeiten Synergien erzeugt und genutzt werden, z. B. durch den Aufbau gemeinsamer Forschungsinfrastrukturen (vgl. Bosman et al., 2021a). In Deutschland gibt es hierzu Versuche, gemeinsame Publikationsinfrastrukturen aufzubauen und zu stärken (vgl. CRAFT-OA).

Publikationspraktiken

Es gibt unterschiedliche Bereiche, in denen wissenschaftsgeleitete Zeitschriften neue Modelle erproben. So wird etwa nach neuen Publikationsformaten gesucht, die alternativ oder ergänzend zum klassischen Forschungsartikel für die Verbreitung wissenschaftlicher Ergebnisse eingesetzt werden können, z. B. die Veröffentlichung von Vorabfassungen (Preprints), von Forschungsmaterialien (z. B. Feldtagebüchern, Notizen, Skizzen) oder sonstigen Supplementen. Mit diesen eher experimentellen Formaten lässt sich mehr Transparenz für die eigentliche Forschung schaffen, Reproduzierbarkeit erleichtern, die Partizipation Dritter anleiten und damit insgesamt der wissenschaftliche Diskurs befördern.

Andere wissenschaftsgeleitete Zeitschriften erproben neue und inklusive Prozesse der Qualitätssicherung. Unter den Schlagworten “Open Review” und “Collaborative Review” wird versucht, die klassisch anonyme Fachbegutachtung namentlich und personell zu öffnen. Lässt sich auch für Ihre Zeitschrift ein solcher Prozess der Qualitätssicherung erproben? Ihre Zeitschrift würde damit zu einem Wandel der Kultur der Begutachtung beitragen, die den kollegialen Austausch und produktive Kritik in den Mittelpunkt stellt.

Die Diversität von Formaten und Qualitätsprozessen spiegelt sich auch in redaktionellen Workflows wider: Sehen Sie Möglichkeiten, Ihre Arbeitsabläufe an ein vielfältiges Redaktionsteam an verschiedenen Orten anzupassen? Dies wird immer einfacher möglich durch den Einsatz digitaler Werkzeuge, die schon vielfach von wissenschaftsgeleiteten Zeitschriften genutzt werden. Hierzu gehören Redaktionsmanagementsysteme (z. B. Open Journal Systems), kollaborative Schreib- und Editingtools (z. B. CryptPad, Etherpad) und Cloudservices (z. B. meist lokale, institutionelle Lösungen).

Nicht zuletzt setzen sich viele Publikationsprojekte aus der Wissenschaft aktiv für die digitale Souveränität ein, d. h. für einen selbstbestimmten und unabhängigen Umgang mit den eigenen Daten (vgl. Pohle & Thiel, 2020). Sie können innerhalb Ihrer Zeitschrift dieses Unabhängigkeitsbestreben unterstützen und fördern, indem Sie beispielsweise Open-Source-Dienste und Tools bevorzugen, die eine Kontrolle der (Meta-)Daten von Personen und Publikationen ermöglichen. Darüber hinaus können Sie die verbreiteten Systeme der Messung und Bewertung von Relevanz (z. B. Impact Factor) kritisch hinterfragen, alternative Modelle (z.B “altmetrics”) nutzen oder an neuen Formen der Messung mitwirken. Auch eine größtmögliche Offenheit und Transparenz der Nachnutzung trägt hierzu bei: Sind die Inhalte Ihrer Zeitschrift so frei wie möglich lizenziert (z.B. die für wissenschaftliche Literatur sinnvollen Free Culture Lizenzen; https://creativecommons.org/share-your-work/public-domain/freeworks/)? Sind die Möglichkeiten der Nachnutzung klar kommuniziert (z.B. einfach auf Ihrer Website einsehbar)?

Besondere Herausforderungen

Als wissenschaftsgeleitete Zeitschrift werden Sie dabei besonderen Herausforderungen begegnen, insbesondere im Vergleich zu Verlagszeitschriften und kommerziellen Akteur*innen (vgl. Fokusgruppe scholar-led.network 2021). Dies beginnt (1) mit der Förderung: finanziell, infrastrukturell und ideell bestehen Lücken in der Förderlandschaft, die nur zögerlich und oft auf intensives Bestreben der Zeitschriften selbst gefüllt werden (siehe oben). Auch werden Sie sich aktiv bemühen müssen, (2) Ihren Platz innerhalb der Forschungscommunity und den übrigen Publikationsprojekten strategisch zu besetzen. Dies bezieht sich auf die Inhalte, aber auch auf die verwalterische und technische Aufstellung Ihrer Zeitschrift. Dabei werden Ihnen schließlich (3) Verantwortungsdefizite in Disziplinen und Institutionen begegnen: Gerade als neue und interdisziplinäre Zeitschriften müssen Sie mehr Zeit investieren, damit sich kritische Interessengruppen Ihnen verpflichtet fühlen.

Es ist insgesamt Aufgabe der Forschungseinrichtungen, der Forschungsinfrastrukturen, der Forschungsförderung und der Fachgesellschaften, Kapazitäten für wissenschaftsgeleitetes Publizieren aufzubauen (vgl. Bosman et al., 2021b) und deren Effektivität und Wirtschaftlichkeit zu stärken.

Literatur

Weiterführende Literatur

  • Adema, J., & Moore, S. A. (2018). Collectivity and collaboration: imagining new forms of communality to create resilience in scholar-led publishing. Insights 31(0), 3. https://doi.org/10.1629/uksg.399
  • Adema J., & Moore S. A. (2021). Scaling Small; Or How to Envision New Relationalities for Knowledge Production, Westminster Papers in Communication and Culture 16(1), 27-45. doi: https://doi.org/10.16997/wpcc.918
  • Hopf, D., Dellmann, S., Hauschke, C,. & Tullney., M. (2022). Wirkungen von Open Access. Literaturstudie über empirische Arbeiten 2010–2021. Technische Informationsbibliothek (TIB). https://doi.org/10.34657/7666
  • Ottina, D. (2013). From Sustainable Publishing To Resilient Communications. TripleC, 11(2), 604-613. https://doi.org/10.31269/triplec.v11i2.528
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