Open Access in der Mathematik
Im Gegensatz zu vielen naturwissenschaftlichen oder technischen Disziplinen wird in der Mathematik nach wie vor ältere Literatur für aktuelle Forschungsfragen herangezogen. Daher beschränkt sich freier Zugang in der Mathematik nicht auf aktuelle Forschungsergebnisse, sondern schließt auch ältere Literatur mit ein. Die Retrodigitalisierung und der freie Zugriff auf diese digitalen Inhalte spielen in diesem Fach eine große Rolle.
Ein weiterer Unterschied zu den meisten naturwissenschaftlichen Disziplinen ist die Akzeptanz von Literatur ohne wissenschaftliche Qualitätsprüfung. So erhielt beispielsweise Grigori Jakowlewitsch Perelman 2006 die Fields-Medaille für eine Reihe von drei Artikeln über den Beweis zur Poincaré-Vermutung, welche er ausschließlich auf dem Preprintserver arXiv veröffentlicht hatte. Auch ohne klassisches Peer-Review-Verfahren konnte Perelmans Beweis so aufgrund der Open-Access-Veröffentlichung von verschiedenen Gruppen überprüft werden.
In der Mathematik ist die Kritik an den steigenden Zeitschriftenpreisen sehr verbreitet. So ist es nicht verwunderlich, dass gerade hier Forschende oftmals zum Boykott von Wissenschaftsverlagen (z. B. The Cost of Knowledge) aufrufen und sich auch selbst daran beteiligen.
Open-Access-Zeitschriften
Das Directory of Open Access Journals listet unter dem Stichwort Mathematics 815 Einträge (Stand: November 2025).
Publikationsgebühren werden oftmals kritisch gesehen. Vor diesem Hintergrund werden mathematische Zeitschriften häufig in Geschäftsmodellen ohne Publikationsgebühren veröffentlicht. Viele dieser Zeitschriften werden direkt von wissenschaftlichen Institutionen oder Fachgesellschaften herausgegeben.
Beispiele hierfür sind:
Da, wie eingangs erwähnt, in der Mathematik ältere Literatur von großer Bedeutung ist, werden häufig ältere Zeitschriftenbände online frei zugänglich zur Verfügung gestellt, auch wenn die aktuellen Bände Closed Access, also kostenpflichtig sind. In diesen Fällen wird oftmals das Geschäftsmodell der Moving Wall mit Embargofrist angewandt: Für einen gewissen Zeitraum (z.B. die ersten fünf Jahre nach Erscheinen) ist der Zugang kostenpflichtig, anschließend wird er kostenfrei.
Bei Veröffentlichen in Open-Access-Zeitschriften ist auch in der Mathematik Vorsicht vor Predatory Publishing geboten.
Video zur Finanzierung von Open-Access-Artikeln
Quelle: Brinken, H. (2020). Finanzierung von Open-Access-Artikeln, open-access.network. https://doi.org/10.5446/49536 (CC BY 3.0 DE)
Open-Access-Bücher
Unter dem Subject Mathematics listet das Directory of Open Access Books (DOAB) 95 Titel, unter Mathematics & science werden 207 Titel aufgeführt. OAPEN verzeichnet unter der Rubrik Mathematics rund 70 Titel (Stand: November 2025).
Im Fach Mathematik werden die meisten Bücher in Verlagen mit traditionellen Geschäftsmodellen veröffentlicht. Open-Access-Bücher sind bislang eine Randerscheinung.
Disziplinäre Repositorien
Das wichtigste Repositorium in der Mathematik ist das e-Print Archiv arXiv für Physik, Mathematik und verwandte Fächer (siehe Fachseite Physik). Die lange Zeit gängige Praxis, Preprints auf den eigenen Institutionsseiten zu veröffentlichen, wurde mit der steigenden Bedeutung von arXiv eingestellt. Viele Repositorien in der Mathematik veröffentlichen keine neuen Preprints mehr.
Forschungsdaten aus der Mathematik können gut auf Zenodo abgelegt werden oder in fachspezifischen Repositorien, die zum Beispiel mit re3data gefunden werden können.
Zusätzlich existieren für das Fach Open-Access-Repositorien mit retrodigitalisierter Literatur. Die bedeutendsten sind:
- Göttinger Digitalisierungszentrum (GDZ): enthält u.a. die Kollektion Mathematica, in welcher der gesamte historische Bestand der SUB Göttingen an mathematischer Literatur bis einschließlich 1900 zugänglich gemacht wird.
- NUMDAM: ist an der Université Grenoble Alpes angesiedelt und beinhaltet viele französische und italienische Zeitschriften. Der Zugang ist frei, allerdings gibt es von Zeitschrift zu Zeitschrift variierende Embargofristen.
- The University of Michigan Historical Mathematics Collection: enthält Monografien des 19. und frühen 20. Jahrhundert
- Historical Math Monographs (Cornell University Library)
- Project Euclid (Cornell University): bietet elektronisch publizierte Zeitschriften an, viele davon im Open Access
Eine Übersicht zu diesen und weiteren Repositorien bietet das Open Directory of Open Access Repositories (OpenDOAR).
Video über das Zeitveröffentlichungsrecht
Quelle: Brehm, E. (2021). Zweitveröffentlichungsrecht für Wissenschaftler*innen, open-access.network. https://doi.org/10.5446/51789 (CC BY 3.0 DE)
Praxistipp
Sonstige hilfreiche Angebote
Seit dem Jahr 2021 ist die Informationsplattform zbMATH OPEN (ehemals Zentralblatt für Mathematik) frei zugänglich. Durch offene und nachnutzbare Schnittstellen wird die Vernetzung und der Austausch von wissenschaftlichen Informationen gewährleistet. Die Plattform soll sich als zentraler Punkt in einer offenen globalen Bibliothek für Mathematik etablieren.
Ein weiteres freies Recherchetool ist The European Digital Mathematics Library (EuDML).
Darüber hinaus gibt es im Rahmen des Committee on Electronic Information and Communication (CEIC) of the International Mathematical Union (IMU) Bestrebungen, eine World Digital Mathematics Library (WDML) zu entwickeln. Darin soll die gesamte mathematische Literatur erschlossen, miteinander verknüpft, dauerhaft frei zugänglich und nachnutzbar werden. Ein erster Schritt ist hierbei durch zbMATH OPEN erfolgt.
Zur wissenschaftlichen Qualitätssicherung von Open-Access-Artikeln stellt das Projekt épisciences.org eine freie Plattform zur Verfügung, auf der Beiträge ein Peer-Review-Verfahren durchlaufen können. So können auch Artikel auf Preprint-Servern wie arXiv einer wissenschaftlichen Qualitätsprüfung unterzogen werden.
Open Science in der Mathematik
Mathematische Methoden werden immer häufiger auch in der interdisziplinären Forschung erfolgreich angewendet und sind dementsprechend weit verbreitet. So finden Modelle, Parameter, Daten und numerische Algorithmen aus der Mathematik beispielsweise im Bereich maschinelles Lernen Verwendung. In ihrer freien Veröffentlichung liegt folglich ein großer Vorteil für die interdisziplinäre Forschung. Gerade im Bereich der Datenwissenschaften sind hierfür jedoch teils immense Rechnerleistungen nötig (vgl. Mathematical Research Data Initiative).
Traditionell stellt das Beweisen mathematischer Sätze das zentrale Element der mathematischen Publikationskultur dar. Diese Beweise müssen für die Lesenden innerhalb des Beitrags vollständig nachvollziehbar sein. Da im Rahmen von Open-Access-Publikationen sämtliche Inhalte bereits frei verfügbar sind, bestand lange kein Bedarf, zusätzliche Forschungsdaten bereitzustellen. Mit der fortschreitenden Digitalisierung entstehen jedoch zunehmend rechnergestützte Beweisverfahren, Visualisierungen und weitere Arten mathematischer Forschungsdaten, deren offene Zugänglichkeit immer wichtiger wird.
Mathematische Forschungsdaten sind sehr komplex und vielfältig.
Der in der Entstehung begriffene MaRDI Knowledge Graph verknüpft viele offene Quellen mathematischer Forschungsdaten. Auf dem MaRDI Portal lassen sich neben dem Graphen weitere, auf die mathematische Community zugeschnittene Forschungsdaten-Services entdecken.
Wird in der Mathematik Software entwickelt, dann wird diese oft über Githubversioniert und zur Verfügung gestellt. (GitHub gehört seit 2018 zu Microsoft, auf öffentliche Repositorien kann ohne Anmeldung zugegriffen werden. Für das Hochladen eigener Daten ist eine Anmeldung notwendig, die grundlegenden Funktionen des Dienstes stehen kostenlos zur Verfügung.) Viele Universitäten und Forschungsinstitute bieten eigene Git-Instanzen (zum Beispiel auf der Open-Source-Plattform Gitlab basierend) an.
In Zeitschriften, die die rechenintensiven Bereiche der Mathematik, zum Beispiel Numerik, abdecken, gibt es teilweise schon eine Überprüfung der Reproduzierbarkeit der Code- und Software-Komponenten eines Papers. Ein Beispiel dafür ist Computational Science and Engineering, ein Journal mit eigenem Code Review Board, das im goldenen Open Access veröffentlicht wird. Es gibt Bestrebungen, dies auf weitere Teile der Mathematik auszudehnen.
Der "Jean-Pierre Demailly Prize" zeichnet seit 2024 Projekte aus, die einen Beitrag zur Förderung von Open Science in der Mathematik leisten.
Weiterführende Literatur
- Boege, T., Fritze, R., Görgen, C., Hanselman, J., Iglezakis, D., Kastner, L., Koprucki, T., Krause, T., Lehrenfeld, C., Polla, S., Reidelbach, M., Riedel, C., Saak, J., Schembera, B., Tabelow, K., & Weber, M. (2022). Research-data management planning in the German mathematical community [Preprint]. arXiv. https://arxiv.org/pdf/2211.12071
- Das, P. K. (2017). Anatomy of open access mathematics journals. Journal of Information and Knowledge, 53(6), 447–454. https://doi.org/10.17821/srels/2016/v53i6/98585
- Hanselman, J. (2025). Guidelines for writing and reviewing mathematical software. Notices of the AMS. https://www.ams.org/journals/notices/202507/noti3210/noti3210.html
- Taubert, N. (2021). Green open access in astronomy and mathematics: The complementarity of routines among authors and readers. Minerva, 59, 173–194. https://doi.org/10.1007/s11024-020-09424-3
- Teschke, O. (Dezember 2018). Green, gold, platinum, nickel: On the status of open access in mathematics. EMS Newsletter. https://ems.press/content/serial-article-files/10613?nt=1
Bearbeitung der Inhalte dieser Seite: Dr. Gernot Deinzer, UB Regensburg (Stand: Dezember 2021), Tabea Bacher, MPI MiS (Stand November 2025, mit freundlicher Unterstützung von Britta Schneemann, MPI MiS)