Open Access in der Reli­gions­wissenschaft

Die Religionswissenschaft zählt in Deutschland zu den kleinen Fächern und wird in Abgrenzung zu den Theologien als eigenständige Geistes- und Kulturwissenschaft aufgefasst. In anderen Ländern, beispielsweise im angloamerikanischen Raum, ist die (institutionelle) Trennung von Religionswissenschaft und Theologien zum Teil weniger ausgeprägt.

Religionswissenschaftliche Forschung findet in einem fachlich und methodisch weiten, heterogenen Umfeld statt. Schnittmengen bestehen unter anderem mit den ethnologischen Fächern, mit der Soziologie, Philosophie, den Geschichtswissenschaften, Altertumswissenschaften, aber auch mit verschiedenen Regionalwissenschaften (z. B. Afrikastudien) und Theologien. Ebenso wie in anderen Geisteswissenschaften werden auch in der Religionswissenschaft dem gedruckten Buch generell sowie der Publikation von Beiträgen in Sammelwerken und Konferenzschriften nach wie vor eine große Bedeutung beigemessen.

Im Dialog mit der Fachcommunity lässt sich aber eine zunehmende Öffnung sowohl gegenüber dem Rezipieren als auch dem Produzieren von Publikationen im Open Access feststellen. Vorbehalte gegenüber Open Access beziehen sich u. a. auf befürchtete Qualitätsabstriche und Mehraufwand (z. B. bei der Transformation von Zeitschriften zu Open Access) sowie Bedenken hinsichtlich hoher Publikationskosten für Autor*innen.

Eine klare Position zum Thema Open Access haben bisher weder die Deutsche Vereinigung für Religionswissenschaft (DVRW) noch die European Association for the Study of Religions (EASR) oder die International Association for the History of Religions (IAHR) bezogen. Das Publikationsorgan der DVRW erscheint nach wie vor im Closed Access (Zeitschrift für Religionswissenschaft). Religionswissenschaftliche Fachgesellschaften einiger anderer europäischer Länder betreiben hingegen erfolgreich seit mehreren Jahren Open-Access-Zeitschriften (u. a. Czech Association for the Study of Religions; British Association for the Study of Religions).

In der englischsprachigen Fachliteratur wurde das Thema Open Access in der Religionswissenschaft bereits in einigen Beiträgen reflektiert: sowohl aus Sicht der Herausgeberschaft einzelner Fachzeitschriften (Drees, 2015; Drees, 2017; Wildman et al., 2019; Petersen, 2021) als auch einzelner Wissenschaftler*innen (Clasquin-Johnson, 2008; Cavallin, 2013). Ein Mehrwert von Open Access wird v. a. darin gesehen, dass dieser auch ökonomisch prekär situierten Institutionen und Forschenden weltweit die wissenschaftliche Partizipation erleichtern kann, denen üblicherweise ein Zugriff auf kostenintensiv lizenzierte Ressourcen verwehrt bleibt.

Open-Access-Zeit­schrif­ten

Das Directory of Open Access Journals (DOAJ) listet unter dem Fachgebiet Religions. Mythology. Rationalism 111 Einträge (Stand: Dezember 2022). 

Ein genauer Blick auf die Liste zeigt, dass diesem Fachgebiet auch Zeitschriften zugeordnet werden, die sich auf eine spezifische Religion beziehen oder die eine theologische Ausrichtung haben. Nimmt man zusätzlich in die Suchabfrage auch noch Fachzeitschriften hinein, die unter einzelnen Religionen (Islam, Judentum, Buddhismus) gelistet sind, erhält man mit 390 Einträgen ein umfangreicheres Ergebnis (Stand: Dezember 2022). Hier wird die im vorherigen Abschnitt angedeutete Herausforderung deutlich, dass sich das Fach Religionswissenschaft einerseits insbesondere im internationalen Rahmen nicht eindeutig gegenüber den Theologien abgrenzen lässt, andererseits aber auch Schnittmengen mit zahlreichen anderen geistes- und kulturwissenschaftlichen Fächern sowie den Sozialwissenschaften bestehen. 

Wichtige Open-Access-Zeitschriften sind:

Die aufgelisteten Zeitschriften spiegeln die Verbreitung von Open-Access-Bestrebungen in fachlicher und geografischer Hinsicht wider. International betrachtet gibt es folglich bereits eine sehr große Vielfalt an Open-Access-Zeitschriften mit religionswissenschaftlich relevantem Inhalt, häufig zu sehr speziellen Themen.

Hervorzuheben ist außerdem das bisher einzige Publikationsorgan für den religionswissenschaftlichen Nachwuchs im D-A-Ch-Raum, die Zeitschrift für junge Religionswissenschaft, DOAJ.

Eine größere Zahl von Open-Access-Zeitschriften für die Religionswissenschaft ist bisher nicht im DOAJ verzeichnet, darunter u. a. Religio: Revue pro religionistiku, Journal of the British Association for the Study of Religions, Marburg Journal of Religion, REVER: Revista de Estudos da Religião.

Video zur Finanzierung von Open-Access-Artikeln

Open-Access-Bücher

Unter dem Stichwort Religion: general listet das Directory of Open Access Books (DOAB) 119 Titel. OAPEN verzeichnet unter der Rubrik Religion: general 128 Titel (Stand: Dezember 2022).

Eine explizite Open-Access-Kampagne im Bereich Monografien gibt es für die Religionswissenschaft bisher noch nicht. Allerdings werden insbesondere von den Verlagen transcript und DeGruyter schon viele religionswissenschaftliche Publikationen (neben der gedruckten Fassung) im Open Access angeboten.

Diszipli­näre Reposi­torien

Derzeit gibt es sowohl im deutschsprachigen Raum als auch international nur ein disziplinäres Repositorium für das Fach Religionswissenschaft. Betreut wird das Repositorium durch den Fachinformationsdienst (FID) Religionswissenschaft an der Universitätsbibliothek Tübingen. Recherche und Zugang zu den archivierten Titeln erfolgen dabei über RelBib, das Portal des FID: Zweitveröffentlichungen in RelBib

Darüber hinaus bietet der FID Religionswissenschaft im Sinne des Green Open Access einen umfassenden Zweitveröffentlichungsservice für angemeldete Autor*innen des Fachs an.

Je nach Forschungsrichtung können andere disziplinäre Repositorien für Religionswissenschaftler*innen relevant sein, z. B. das Social Science Open Access Repository (SSOAR) für Autor*innen der Religionssoziologie. Auch Repositorien mit regionalwissenschaftlicher Ausrichtung, z. B. das FID4SA-Repository für Südasienwissenschaften oder MENAdoc für Nahost- und Islamstudien können in Anspruch genommen werden.

An der University of Latvia wird zudem das fachlich eingegrenzte Repositorium Science and Religion Dialogue Prints (SciRePrints) angeboten, das speziell für die Selbstarchivierung von Publikationen und Preprints sowie unveröffentlichten Beiträgen zum Dialog zwischen Naturwissenschaften und Religion bestimmt ist.

Video über das Zeitveröffentlichungsrecht

Sonstige Angebote

Der FID Religionswissenschaft an der Universitätsbibliothek Tübingen betreibt mit RelBib eine internationale, kostenfrei nutzbare Online-Bibliografie für die Religionswissenschaft, die eng mit der internationalen Bibliographie für Theologie und Religionswissenschaft Index Theologicus zusammenarbeitet. In RelBib werden fachrelevante Monografien, Zeitschriften, Aufsätze aus Zeitschriften und Sammelwerken, Websites, Blogs, Forschungsdaten uvm. nachgewiesen. Durch regelmäßige Einspielungen neuer Titel sowie Updates bietet RelBib Fachinformationen auf dem aktuellsten Stand. Eine stetig wachsende Zahl an religionswissenschaftlich relevanten Zeitschriften wird fortlaufend auf Aufsatzebene ausgewertet. Der Fokus von RelBib liegt auf der Bereitstellung von Open Access-Inhalten, weshalb Titel mit sofortigem und offenem Zugang zum Volltext bevorzugt aufgenommen werden. Frei zugängliche Titel lassen sich über einen Open-Access-Filter gezielt ansteuern. Zudem gibt es in RelBib eine Volltextsuche.

Mit der OJS-Plattform RelBib Open Journals fördert der FID Religionswissenschaft die Open-Access-Transformation bzw. Neugründung von fachlichen Open-Access-Zeitschriften und -Reihen.

Blogs

Plattformen

Datenbanken

Weitere Open-Access-Inhalte für die Religionswissenschaft werden auf den Plattformen Project Muse (249 Titel: Monografien zu research area “religion”) und JSTOR (538.264 Titel: Aufsätze aus Zeitschriften und Sammelwerken zu subject: „religion“) zur Verfügung gestellt (Stand: Dezember 2022).

Open Science in der Religionswissenschaft

Open-Science-Bestrebungen sind im kleinen Fach Religionswissenschaft bisher weder stark ausgeprägt noch zentral koordiniert. Dennoch lassen sich, v. a. für den Bereich Open Data, erste Aktivitäten feststellen: 2019 führte der FID Religionswissenschaft mit Unterstützung der DVRW eine Umfrage zum Thema Forschungsdaten in der Religionswissenschaft durch (FID Religionswissenschaft & DVRW, 2020), die auch in der Fachcommunity rezipiert wurde (Koch, 2020). Der zentrale Nachweis von fachrelevanten Forschungsdaten ging als ein Desiderat aus dieser Umfrage hervor: Infolgedessen wurde in RelBib die gezielte Recherche nach Forschungsdaten eingeführt.

Das CERES (Center for Religious Studies, Ruhr-Universität Bochum) ist als teilnehmende Institution im NFDI-Konsortium für historisch arbeitende Geisteswissenschaften 4memory eingebunden. Als Beispiel für ein Digital-Humanities-Projekt zur Digitalisierung religiöser Objekte kann das am CERES angesiedelte DiGA - Digitization of Gandharan Artefacts genannt werden. Die Bereitstellung und Archivierung der Bild- und Objektdaten erfolgt dabei in Zusammenarbeit mit dem FID für Südasien.

Vergleichbare Entwicklungen sind zukünftig auch in den anderen Bereichen von Open Science zu erwarten (z. B. Hermann, 2021).

Literatur

Bearbeitung der Inhalte dieser Seite: Mareike Heinritz, Mitarbeiterin des FID Religionswissenschaft/Religionswissenschaftliche Bibliografie (RelBib), Universitätsbibliothek Tübingen (Stand: Dezember 2022).

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