Ethnologische Fächer

Open Access in den Fachgesellschaften

Seit etwa 2019 haben auch bei den Fachgesellschaften der ethnologischen Fächer sichtbare Entwicklungen zu Open Access an Fahrt aufgenommen. Jedoch hat trotz zunehmender Auseinandersetzung mit Open Access und zahlreichen Umstellungen der von ihnen herausgegebenen Zeitschriften auf Open Access bisher keine der Fachgesellschaften die Berliner Erklärung über den offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen unterzeichnet.

Die International Society for Ethnology and Folklore hat 2019 ihre Zeitschrift Ethnologia Europaea auf Open Access umgestellt. Die Schweizerische Ethnologische Gesellschaft und die Fachgesellschaft Empirische Kulturwissenschaft Schweiz (damals als Schweizerische Gesellschaft für Volkskunde) haben 2020 bzw. 2021 ihre Zeitschriften Tsantsa (mittlerweile umbenannt in Schweizerische Zeitschrift für Sozial- und Kulturanthropologie) bzw. Schweizerisches Archiv für Volkskunde (Verlagszugang) von vormals zeitlich verzögertem freiem Zugang auf sofortiges Open Access ab Erscheinen umgestellt. Die im Auftrag des österreichischen Vereins für Volkskunde herausgegebene Österreichische Zeitschrift für Volkskunde machte neue Ausgaben bereits seit 2016 nach einer sechsmonatigen Embargofrist frei zugänglich und ist seit 2024 vollständig auf Open Access umgestellt. Die Publikationen der Österreichischen Gesellschaft für Empirische Kulturwissenschaft und Volkskunde sind teilweise frei zugänglich, der Fachverband gibt jedoch keine Zeitschrift heraus. Die European Association of Social Anthropologists hat 2022 die Umstellung ihrer Zeitschrift Social Anthropology auf Open Access vollzogen. Die Deutsche Gesellschaft für Empirische Kulturwissenschaft hat ihre Zeitschrift für Empirische Kulturwissenschaft 2022 auf Open Access umgestellt; die Deutsche Gesellschaft für Sozial- und Kulturanthropologie hat ihre Zeitschrift für Ethnologie 2024 auf Open Access umgestellt. Die Anthropologische Gesellschaft in Wien publiziert ihre Zeitschrift nicht digital und nicht frei zugänglich. Die Fachgesellschaften im englischsprachigen Raum, das Royal Anthropological Institute und die American Anthropological Association, haben ihre primären Zeitschriften Journal of the Royal Anthropological Institute und American Anthropologist bisher nicht auf Open Access umgestellt. Die Association of Social Anthropologists of the UK publiziert keine primäre Zeitschrift, die auf ihren Jahreskonferenzen basierende Buchreihe ASA Monographs erscheint jedoch nicht frei zugänglich.

Viele der Fachgesellschaften geben neben ihren primären Zeitschriften auch andere Publikationen wie Mitteilungen, Buchreihen, Konferenzbände, Vortragspublikationen, Diskussionspapiere sowie weitere thematisch zugeschnittene Zeitschriften heraus. Auch hier ist eine Zunahme von Open Access festzustellen, und teilweise werden solche Publikationen auch zum Ausprobieren von Open Access und neuen Publikationsformen genutzt.

Open Access in den ethnologischen Fächern

Die ethnologischen Fächer werden hier insbesondere verstanden als die Ethnologie bzw. Sozial- und Kulturanthropologie bzw. Völkerkunde sowie die Europäische Ethnologie bzw. Volkskunde bzw. Empirische/Vergleichende Kulturwissenschaft, zudem die Social Anthropology und Cultural Anthropology und die Folkloristik bzw. Folklore Studies. Die Informationen beziehen sich vorwiegend auf den deutsch- und englischsprachigen Raum.

In den ethnologischen Fächern hat die Verbreitung von Open Access in den letzten Jahren zugenommen. Open Access kann jedoch noch nicht als Standard des wissenschaftlichen Publizierens betrachtet werden, denn ein bedeutender Teil der Publikationen erscheint weiterhin nicht frei zugänglich. Die zunehmende Umstellung ganzer Zeitschriften auf Open Access, der steigende Anteil frei zugänglich veröffentlichter Bücher und eine fortwährende Auseinandersetzung mit Open Access sind jedoch ein positiver Trend und machen deutlich, dass Akzeptanz für Open Access in den ethnologischen Fächern grundsätzlich vorhanden ist.

Der Anteil frei zugänglicher Zeitschriftenartikel in den ethnologischen Fächern ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Dies ist zum einen mit strukturellen Entwicklungen wie der zunehmenden Forderung und Förderung von Open Access durch wissenschaftliche Einrichtungen und Forschungsförderinstitutionen sowie Open-Access-Transformationsverträge zu erklären. Zum anderen kommt es langsam auch zu einem grundsätzlichen Wandel in der fachlichen Publikationskultur. Allerdings ist beispielsweise das Veröffentlichen von Preprints sowie Postprints über Repositorien in den ethnologischen Fächern weiterhin unüblich. Gerade hier liegt jedoch ein großes Potenzial für mehr Open Access, welches von den individuellen Wissenschaftler*innen selbst genutzt werden kann. Buchveröffentlichungen haben in den ethnologischen Fächern einen besonderen Stellenwert, denn neben Sammelbänden gilt die Verschriftlichung langjähriger Forschung als monografische Ethnografie als Publikationsgoldstandard und besonders prestigeträchtig. Jedoch werden noch verhältnismäßig wenige Bücher aus den ethnologischen Fächern frei zugänglich veröffentlicht, wobei auch hier der Anteil in den letzten Jahren stetig gestiegen ist. Begünstigt wird dies durch vermehrt vorhandene institutionelle und andere Fördermöglichkeiten für Open-Access-Bücher sowie nicht-profitorientierte und wissenschaftseigene Verlage. Die mitunter hohen Publikationsgebühren für Open Access bei Büchern stellen weiterhin eine bedeutsame Hürde dar.

Open Access wurde innerhalb der ethnologischen Fächer seit Mitte der 2000er Jahre zunächst vor allem in Nordamerika diskutiert und umgesetzt. Einige Entwicklungen führten zu mehr Aufmerksamkeit für das Thema. Dazu zählen unter anderem die Gründung mehrerer Open-Access-Zeitschriften im Jahr 2011 und erste Umstellungen von angesehenen Zeitschriften auf Open Access, darunter Cultural Anthropology im Jahr 2014. Auch die Gründung von Libraria im Jahr 2015, ein aus den ethnologischen Fächern heraus etabliertes Netzwerk mit dem Ziel der Veränderung des Publikationswesens in den Sozialwissenschaften, trug dazu bei. Zudem stand Open Access im Jahr 2018 in unrühmlicher Weise im Rampenlicht, als die 2011 gegründete Open-Access-Zeitschrift HAU: Journal of Ethnographic Theory mit ihrem Open-Access-Modell scheiterte und interne Kontroversen an die Öffentlichkeit kamen. Im deutschsprachigen Raum war es bis dahin um Open Access vergleichsweise ruhig. Hier konzentrierte sich die Diskussion ab etwa 2016 vor allem auf die Veröffentlichung von Forschungsdaten. Ab 2019 erfolgten Umstellungen zahlreicher ethnologischer Zeitschriften auf Open Access, darunter zentrale Zeitschriften von Fachgesellschaften sowie feldbezogene und transdisziplinäre Zeitschriften (siehe unten). Zudem führten gebündelte Umstellungen mehrerer Zeitschriften durch konsortiale Finanzierungsmodelle (siehe unten) zu einem Sprung beim Anteil der Open-Access-Zeitschriften in den ethnologischen Fächern. Mit der zunehmenden Thematisierung sowohl im englisch- als auch im deutschsprachigen Raum sowie der zunehmenden Zahl von auf Open Access umgestellten Zeitschriften ist Open Access spätestens mit dem Jahr 2019 als relevantes Thema in der Breite der ethnologischen Fächer angekommen.

Open-Access-Zeitschriften

Das Directory of Open Access Journals (DOAJ) listet im Fachgebiet “Ethnology. Social and cultural anthropology” mehr als 150 Einträge (Stand: Dezember 2025).

In den ethnologischen Fächern wird sowohl in fachbezogenen Zeitschriften als auch in feldbezogenen Zeitschriften (bspw. zu Wissenschaftsforschung, Migrationsforschung, Gender Studies, Museumsforschung, Stadtforschung) sowie in regionsbezogenen Zeitschriften publiziert. Nachfolgend werden hauptsächlich fachbezogene Zeitschriften berücksichtigt.

Bekannte deutschsprachige Open-Access-Zeitschriften sind u. a.:

(* Die mit einem Sternchen markierten Zeitschriften veröffentlichen überwiegend oder ausschließlich thematische Sonderhefte.)

Bekannte englischsprachige Open-Access-Zeitschriften sind u. a.:

Aufgrund der Publikationsbreite in den ethnologischen Fächern sowie der Zurechnung sowohl zu den Sozialwissenschaften als auch den Geisteswissenschaften und ebenso den Kulturwissenschaften lassen sich auch entsprechende feldbezogene und transdisziplinäre Open-Access-Zeitschriften hinzurechnen, wie zum Beispiel:

(* Die mit einem Sternchen markierten Zeitschriften veröffentlichen überwiegend oder ausschließlich thematische Sonderhefte.)

Nennenswert ist zudem das unter anderem anthropologisch ausgerichtete Journal of Political Ecology, das seit Beginn im Jahr 1994 frei zugänglich erscheint und damit eine der ersten und am längsten existierenden Open-Access-Zeitschriften in den Sozialwissenschaften ist.

Mitunter werden mehrere Zeitschriften gebündelt auf Open Access umgestellt. Dies erfolgt in der Regel durch konsortiale Finanzierungsmodelle, bei denen die notwendige Finanzierung durch viele Einrichtungen gemeinschaftlich erfolgt. Zahlreiche im Verlag Berghahn publizierte Zeitschriften wurden mittels der Variante Subscribe-to-Open im Jahr 2020 auf Open Access umgestellt. Mittlerweile umfasst das Paket 16 Zeitschriften (neben einigen bereits genannten u.a. Anthropology of the Middle East, Focaal, Museum Worlds, Religion and Society). Mit Unterstützung des Fachinformationsdiensts Sozial- und Kulturanthropologie und der Staats- und Universitätsbibliothek Dresden wurde 2024 eine zunächst dreijährige gebündelte konsortiale Finanzierung des Open Access von sechs deutschsprachigen, wissenschaftsgeleiteten Zeitschriften ermöglicht.

Umstellungen von Zeitschriften von Open Access auf Closed Access oder eine Einschränkung des Open-Access-Publikationsmodells sind selten, kommen aber aus verschiedenen Gründen – meistens Problemen der Finanzierung – vor, so auch bei Zeitschriften aus den ethnologischen Fächern. Die bereits oben erwähnte Zeitschrift HAU: Journal of Ethnographic Theory wurde sechs Jahre nach ihrem Start als reine Open-Access-Zeitschrift auf ein Publikationsmodell umgestellt, das Closed Access (mit Möglichkeit der Subskription) und einen eingeschränkten freien Zugang (temporär für neue Ausgaben sowie dauerhaft für ausgewählte Artikel und Zielgruppen) kombiniert (da Col 2017). Die Zeitschriften Journal of Religion and Popular Culture sowie Human Affairs, die früher für einen gewissen Zeitraum frei zugänglich waren, wurden wieder auf Closed Access (Subskription mit hybridem Publikationsmodell) umgestellt. Außerdem ist die Einstellung von Zeitschriften im Publikationswesen üblich und trifft auch Open-Access-Zeitschriften, so zum Beispiel im Fall von Open Anthropology, einem von 2013 bis 2022 bestehenden Open-Access-Pilotexperiment der American Anthropological Association, und im Fall von Museum Anthropology Review, die 2007 mit der Publikation begann und 2023 eingestellt wurde (Jackson 2023).

Nicht unerwähnt bleiben soll, dass frühere Ausgaben zahlreicher Zeitschriften frei zugänglich sind. Über ein Digitalisierungsprojekt des Fachinformationsdiensts Sozial- und Kulturanthropologie sind die Jahrgänge vieler deutschsprachiger ethnologischer Zeitschriften mit unterschiedlichem zeitlichen Verzug zur aktuellsten Ausgabe frei zugänglich, darunter Anthropos, Baessler-Archiv, Sociologus, die Zeitschrift für Volkskunde (Vorgängerin der Zeitschrift für Empirische Kulturwissenschaft) und die Zeitschrift für Ethnologie. Die Archive der Zeitschriften Tsantsa (Vorgängerin der Schweizerischen Zeitschrift für Sozial- und Kulturanthropologie), Schweizerisches Archiv für Volkskunde und Österreichischen Zeitschrift für Volkskunde sind vollständig frei zugänglich. Das Archiv der Ethnologia Europaea ist vollständig frei zugänglich. Für die Zeitschrift American Anthropologist, die primäre Zeitschrift der American Anthropological Association, bestand bis 2022 ein freier Zugang zu allen mehr als 35 Jahre zurückliegenden Ausgaben, der jedoch seitdem nicht mehr verfügbar ist.

Eine bemerkenswert hohe Verbreitung hat Open Access in den ethnologischen Fächern bei Zeitschriften aus dem iberoamerikanischen Raum, in dem Open Access generell etablierter ist. Spanischsprachige Zeitschriften aus den ethnologischen Fächern sind daher nahezu ausnahmslos frei zugänglich. Einige bekannte Zeitschriften sind AIBR – Revista de Antropología Iberoamericana, Chungara, Etnográfica, Horizontes Antropológicos, Intersecciones en Antropología und Mana – Estudos de Antropologia Social.

Video zur Finanzierung von Open-Access-Artikeln

Open-Access-Bücher

Das Directory of Open Access Books (DOAB) sowie die OAPEN Library verzeichnen mehrere Hundert Titel aus dem Feld der ethnologischen Fächer (in Fachgebieten, die die Begriffe „anthropology“ oder „ethnography“ enthalten; Stand: Dezember 2025).

Verlage, die ausschließlich oder maßgeblich fachspezifische Bücher frei zugänglich publizieren, sind HAU Books und Open Anthropology Cooperative Press. Weitere Verlage, in denen häufiger englisch- oder deutschsprachige Open-Access-Bücher aus den ethnologischen Fächern erscheinen, sind unter anderen ANU Press, Duke University Press, Mattering Press, Open Humanities Press, Transcript, UCL Press, University of California Press.

Disziplinäre Repositorien

Wichtige Repositorien in den ethnologischen Fächern sind:

Der Fachinformationsdienst Sozial- und Kulturanthropologie bietet mit den EthnOA-Repositorien für Texte und für audiovisuelle Medien ein institutionsübergreifendes Angebot für die Open-Access-Publikation von Erst- und Zweitveröffentlichungen. Das Angebot richtet sich auch an Forscher*innen ohne institutionelle Anbindung oder Zugang zu einem institutionellen Repositorium.

Aufgrund der bereits genannten multidisziplinären Ausrichtung kommen ebenfalls forschungsrichtungsspezifische Repositorien infrage, wie beispielsweise CrossAsia-Repository für Asienwissenschaften, GenderOpen für Geschlechterforschung, MENAdoc für Nahost- und Islamstudien oder OstDok für Forschung zu Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa.

Eine Übersicht zu möglichen weiteren relevanten Repositorien bietet auch das Open Directory of Open Access Repositories (OpenDOAR).

Video über das Zeitveröffentlichungsrecht

Sonstige hilfreiche Angebote

Ein zentrales Fachportal für die ethnologischen Fächer im deutschsprachigen Raum ist EVIFA, das vom Fachinformationsdienst Sozial- und Kulturanthropologie betreut wird. Über das Fachportal kann unter anderem frei zugängliche Literatur gesucht und darauf zugegriffen werden. Es enthält zum Beispiel digitalisierte Ausgaben deutschsprachiger Zeitschriften und Monografien aus mehr als zwei Jahrhunderten Forschung. Zudem bietet der Fachinformationsdienst kostenfreien Zugang zu ausgewählten, lizenzpflichtigen Online-Ressourcen.

Die Open Encyclopedia of Anthropology (vormals Cambridge Encyclopedia of Anthropology) ist eine frei zugängliche Enzyklopädie, in der begutachtete Artikel zur Einführung in fachliche Themen und Konzepte veröffentlicht werden. Das Portal Open Folklore listete bis 2024 frei verfügbare Ressourcen aus den Folklore Studies, befindet sich aber mit Stand Ende 2024 in einem Prozess der Neuaufstellung.

​​Das Anthropology Book Forum, ein Projekt der American Anthropological Association, veröffentlicht frei zugängliche englischsprachige Buchrezensionen. Über das geschichtswissenschaftliche Fachportal H-Soz-Kult werden frei zugänglich Forschungsberichte, Rezensionen und Neuigkeiten auch in der Kategorie “Ethnologie und Historische Anthropologie” veröffentlicht.

Im Datenbankinformationssystem DBIS sind in der Kategorie “Ethnologie” zahlreiche weitere frei zugängliche fachspezifische Datenbanken und Angebote zu finden.

Open Science in den ethnologischen Fächern

Der Anspruch von Open Science, den wissenschaftlichen Prozess von der ersten Idee bis zur finalen Publikation zu öffnen und so alle Formen wissenschaftlichen Wissens frei zugänglich, nachvollziehbar und nachnutzbar zu machen, hat für die ethnologischen Fächer sowie die ethnografische Forschung insgesamt weitgehende Konsequenzen und bringt bedeutende Herausforderungen mit sich  – und wird entsprechend kontrovers diskutiert.

Besonders deutlich wird dies bei Open Research Data, der freien Zugänglichmachung von Forschungsdaten. In den ethnologischen Fächern wird – angesichts zunehmender Anforderungen und Maßgaben von Forschungsförderinstitutionen –  seit etwa 2016 verstärkt über Forschungsdatenmanagement sowie die Archivierung und Nachnutzung vor allem ethnografischer Materialien diskutiert. Problematisch ist für die ethnologischen Fächer – wie auch für andere Sozialwissenschaften –, dass hierbei die Besonderheiten qualitativer Daten und insbesondere Materialien aus ethnografischer Forschung unzureichend berücksichtigt sind. Vielmehr liegt dabei ein Verständnis von Daten im Sinne von Rohdaten oder Primärdaten, wie sie vor allem in naturwissenschaftlichen Disziplinen und quantitativ arbeitenden Fachbereichen vorzufinden sind, zugrunde. Bereits der Begriff “Daten“ wird hier spezifisch verwendet: Daten werden als im sozialen Prozess der Feldforschung erzeugt und in Feldbeziehungen eingebettet verstanden. Eine offene Bereitstellung von ethnografischen Forschungsdaten – die meist sensible Informationen über Personen oder Gruppen enthalten – ist nicht oder nur eingeschränkt möglich. Offenheit muss hier vielmehr in Abhängigkeit des jeweils konkreten Forschungsfeldes sowie unter forschungsethischen und rechtlichen Aspekten betrachtet und abgewogen werden. Relevante Aspekte und wichtige Fragen sind hierbei unter anderem, a) ob ausreichende Einverständniserklärungen von Personen aus dem Forschungsfeld vorliegen oder diese überhaupt eingeholt werden können, b) ob Forschungsdaten allein den Forschenden gehören (beispielsweise im Falle von Interviews oder Aufzeichnungen von Gesprächssituationen) und c) welche Konsequenzen sich daraus womöglich ergeben oder wie sich Schutzmaßnahmen wie Pseudonymisierung oder Anonymisierung auf die Nachnutzbarkeit ethnografischen Materials auswirken. Verpflichtungen zur Offenheit von Forschungsdaten werden vor allem aus rechtlichen und ethischen Gründen breit abgelehnt, verbunden mit der Befürchtung, dass Forschungen insbesondere in vertraulichen und sensiblen Kontexten erschwert oder gar unmöglich gemacht werden könnten. (Zu diesen und weiteren Aspekten sowie der grundsätzlichen Thematik siehe Imeri 2018 und 2019). Mehrere Fachgesellschaften haben in Positionspapieren zu diesen Fragen und den fachspezifischen Anforderungen beim Umgang mit Forschungsdaten Stellung bezogen sowie ihre Debatten in Fachpublikationen transparent gemacht. Das Fachportal EVIFA des Fachinformationsdienstes Sozial- und Kulturanthropologie bietet umfassende Informationen zu Forschungsdaten in den ethnologischen Fächern.

Im Rahmen des Fachinformationsdienstes Sozial- und Kulturanthropologie sind zudem beim Forschungsdatenzentrum Qualiservice an der Universität Bremen Workflows und Verfahren erarbeitet worden, die die Archivierung und Nachnutzung nahezu der gesamten Bandbreite ethnografischer Daten ermöglichen (Rizzolli et al. 2024). Qualiservice bietet Beratung für einzelne Forschende, aber auch Projekte, Projektverbünde und Institutionen an.

Mit DATA AFFAIRS ist im Sonderforschungsbereich 1171 “Affective Societies” an der Freien Universität Berlin eine Plattform erarbeitet worden, die Forschende, Lehrende und Studierende zum interaktiven Lernen zum Thema Datenmanagement in der ethnografischen Forschung einlädt. Sie enthält neben Texten zu einzelnen Aspekten des Datenmanagements auch anschauliche Beispiele, Erlebnisberichte, Übungen, ein Glossar und anderes mehr.

Open Methodology, das Offenlegen der im Forschungsprozess verwendeten oder entwickelten Methoden, ist für die ethnologischen Fächer im Grunde nicht neu. Methoden werden in der Regel in Publikationen, insbesondere bei monografischen Ethnografien, offengelegt und erläutert – und dabei auch die Konsequenzen der gewählten Vorgehensweise für den Forschungsprozess reflektiert. In dieser Hinsicht ist hier die Verbindung mit und die Relevanz von Open Access zu betonen. Anders stellt sich die Sachlage dar, wenn das Offenlegen der Methoden bereits vor der eigentlichen Forschung oder im Forschungsprozess erfolgen soll und insofern unter Open Methodology im weiteren Sinne auch die transparente und offene Dokumentation der Schritte des Forschungsprozesses verstanden wird. Hierbei ergeben sich aufgrund der engen Verbindung zum Forschungsfeld und den Forschungsdaten ähnliche Herausforderungen und damit auch Abwägungsfragen wie bei Open Data.

Open Source, das öffentliche Bereitstellen von Quellcode, spielt in den ethnologischen Fächern bisher kaum eine Rolle, da die Entwicklung von Programmen und Software in der Forschung kaum vorkommt. Es sprechen jedoch keine grundsätzlichen Gründe gegen Open Source. Bei in der ethnologischen Forschung verwendeter Software, insbesondere der für die qualitative Datenanalyse, besteht allerdings Potenzial für einen stärkeren Einsatz für die Entwicklung und Nutzung quelloffener Software. Dies ist nicht zuletzt relevant, weil die Funktionsweise zumeist verwendeter proprietärer Software eine Blackbox darstellt und eine Offenlegung dieses Teils der Methode entsprechend nicht gänzlich möglich ist.

Bei offenen Evaluationsverfahren (Open Evaluation) besteht kein nennenswerter Unterschied zu anderen Disziplinen. So wäre ein offener Peer-Review-Prozess (Open Peer Review) in den ethnologischen Fächern ebenso möglich wie in anderen Fächern. Fachzeitschriften oder andere fachspezifische Publikationsmodelle, die ein offenes Peer-Review-Verfahren anwenden, gibt es bisher jedoch nicht. Mit SOCIOS besteht seit 2024 ein Angebot für ein offenes Peer-Review von Preprints in den Sozialwissenschaften, und damit auch für die ethnologischen Fächer.

Das Bereitstellen offener und freier Lehrmaterialien (Open Educational Resources) ist eng mit der Veröffentlichung von Büchern und Zeitschriften im Open-Access-Modell verbunden. Beispielsweise erschien mit Perspectives: An Open Invitation to Cultural Anthropology (2017; zweite, überarbeitete Auflage 2020) ein Lehrbuch zur Einführung in die Kulturanthropologie Open Access.

Literatur

  • da Col, G. (2017). Free gifts that must be invented. HAU: Journal of Ethnographic Theory, 7(2), i–vii. https://doi.org/10.14318/hau7.3.001
  • Jackson, J. B. (2023). On Museum Anthropology Review (2007–2023). Museum Anthropology Review, 17(1–2), 1–10. https://doi.org/10.14434/mar.v17i1-2.35839
  • Imeri, S. (2018). Order, archive, share. Research data in the ethnological disciplines. Journal for European Ethnology and Cultural Analysis, 3(2), 215–240. doi.org/10.18452/20810
  • Imeri, S. (2019). ‚Open Data‘ in den ethnologischen Fächern. Möglichkeiten und Grenzen eines Konzepts. In J. Klinger & M. Lühr (Eds.), Forschungsdesign 4.0 - 1 (Vol. 1, pp. 45–59). Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde. https://doi.org/10.25366/2019.07
  • Rizzolli, M., Imeri, S., & Huber, E. (2024): Ethnografische Forschungsmaterialien zur Archivierung und Nachnutzung vorbereiten und dokumentieren – ein Überblick für Forschende. Qualiservice Working Papers 6-2024. https://doi.org/10.26092/elib/2723

Weiterführende Literatur

  • Jackson, J. B., & Anderson, R. (2014). Anthropology and Open Access. Cultural Anthropology, 29(2), 236–263. https://doi.org/10.14506/ca29.2.04
  • Kelty, C. M., Fischer, M. M. J., Golub, A., Jackson, J. B., Christen, K., Brown, M. F., & Boellstorff, T. (2008). Anthropology of/in Circulation. The Future of Open Access and Scholarly Societies. Cultural Anthropology, 23(3), 559–588. https://doi.org/10.1111/j.1548-1360.2008.00018.x
  • Miller, D. (2012). Open access, scholarship, and digital anthropology. HAU: Journal of Ethnographic Theory, 2(1), 385–411. https://doi.org/10.14318/hau2.1.016
  • Zeitlyn, D., Corsín Jimenez, A., Willinsky, J., Waterston, A., Tritton, R., Kelty, C. M., Ardevol, E., Jemielnak, D., Sanchez-Criado, T., Abadal, E., Gatti, R., García, B., Rasero, V., Nugent, S., Gideon, J., Aibar, E., Malo de Molina, T., & Rodríguez Lópes, J. (2014). Preguntas frecuentes sobre acceso abierto - La economía política en torno a las publicaciones en antropología y otras ciencias sociales. FAQs About Open Access – The Political Economy of Publishing in Anthropology and Beyond (A. Montoya, M. Pérez, G. Dallemagne, & V. del Arco, Eds.). http://openaccessmadrid2014.wordpress.com
  • Zeitschrift für Empirische Kulturwissenschaft, Band 118, Ausgabe 1/2, 2022 (mit einem Forum zum Thema Open Access)

Bearbeitung der Inhalte dieser Seite: Kathleen Heft (Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin / Fachinformationsdienst Sozial- und Kulturanthropologie), Marc Lange (Helmholtz Open Science Office)

Die Autor:innen danken Sabine Imeri für die Kommentare zum Abschnitt zu Open Research Data.

Stand der Inhalte dieser Seite: Dezember 2025