Das Open-Access-Jahr 2023. Ein Rückblick

Das Open-Access-Jahr 2023. Ein Rückblick

Am 22. Oktober 2003 wurde die Berliner Erklärung über den offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen verfasst, ein wegweisendes Dokument für den Wandel hin zu Open Access (OA) und die Verbreitung wissenschaftlichen Wissens über das Internet. Das 20-jährige Jubiläum bot im vergangenen Jahr vielfach die Gelegenheit, die Entwicklungen und Perspektiven zu bilanzieren. Wir wollen im Rahmen dieses Blog-Beitrags auf ausgewählte Entwicklungen, Initiativen und Projekte in Deutschland und darüber hinaus in diesem Jubiläumsjahr zurückblicken.

Neue Förderlinie des BMBF ist gestartet

Unter dem Dach der neuen Förderrichtlinie für eine gelebte Open-Access-Kultur hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) 2023 seinen Fokus auf mehr Offenheit in der Wissenschaft intensiviert. Der Großteil der insgesamt 24 ausgewählten Projekte wurde am 1. September gestartet. 

Die Projekte setzen verschiedene Schwerpunkte. Der Fokus des Projekts PRO-OAR-DE ist beispielsweise die Professionalisierung von OA-Repositorien, während OS-APS STEMO weitere Funktionalitäten für die OS Academic Publishing Suite entwickeln möchte. ELADOAH, OLEKonsort und Diamond Thinking zielen auf eine Stärkung von Diamond-OA, dessen Geschäftsmodell und Rahmenbedingungen. Darüber hinaus behandeln mehrere Projekte, darunter ADore-OA, OA-WFMS, edu_consort_oa, PANTER und KOALA-AV, Geschäftsprozesse, Finanzierungsmodelle und Workflows im Bereich Open Access. Die Projekte IDAHO und ELADOAH untersuchen verschiedene Hürden im Publikationssystem. Andere Projekte, wie bspw. die Projekte OASE und P2P.HAW.OA, setzen es sich zum Ziel, Open Access in einem bestimmten Kontext zu fördern. Einige Vorhaben der BMBF-Förderrichtlinie sowie weitere laufende Projekte sind auf der Projektwebseite von open-access.network zu finden. Ihr Projekt ist noch nicht gelistet? Dann kontaktieren Sie uns gerne!

Neben den neuen Initiativen wurden die Projekte der vorangegangenen Förderlinie abgeschlossen, Ergebnisse publiziert und Services in Betrieb genommen. Im Projekt B!SON wurde beispielsweise erfolgreich ein Recommender-System entwickelt, um Forschende bei der Suche nach qualitätsgesicherten OA-Zeitschriften zu unterstützen. Das Projekt AuROA veröffentlichte einen Vertragsgenerator, mit dessen Hilfe Verträge für OA-Bücher erstellt werden können. Das Projekt ScholarLed Plus erstellte Handreichungen für Herausgeber*innen wissenschaftsgeleiteter, gebührenfreier OA-Zeitschriften und in KOALA wurde ein Modell für eine konsortiale Finanzierung gebührenfreier OA-Publikationen entwickelt. Open4DE untersuchte den Umsetzungsstand von OA-Policies in Deutschland und empfahl Maßnahmen für die weitere Entwicklung von Open Access in Deutschland.

Für ein dauerhaftes Engagement staatlicher Akteure argumentieren auch die im Juni 2023 veröffentlichten Gemeinsamen Leitlinien von Bund und Ländern. Darin werden 10 Leitlinien formuliert, die bei der erfolgreichen Transformation des wissenschaftlichen Publikationssystems zu Open Access in den nächsten Jahren unterstützen sollen. 

Transformation des Publikationssystems: Transformationsverträge…

Nachdem die bestehenden DEAL-Verträge mit Wiley und Springer Nature für das Jahr 2023 letztmals verlängert werden konnten, wurde am 28. November 2023 bzw. am 1. Dezember 2023 die Unterzeichnung eines neuen 5-Jahres-Vertrages zwischen dem DEAL-Konsortium und den Verlagshäusern bekannt gegeben. Wie Bernhard Mittermaier in seinem Rückblick auf 10 Jahre DEAL ausführt, wurden die ursprünglichen Projektziele des DEAL-Projekts im Wesentlichen erreicht, indem der Anteil an OA-Publikationen von deutschen Einrichtungen signifikant erhöht werden konnte. Obwohl die nationalen Ausgaben für OA-Publikationen insgesamt nicht gestiegen seien, hatte die dafür notwendige interne Kosten(um)verteilung Auswirkungen auf organisatorische Prozesse der Einrichtungen. Für zukünftige DEAL-Verträge fordert Mittermaier als bisher unerreichte Ziele, “spürbare finanzielle Verbesserungen” sowie die Begrenzung von Publikationsgebühren bei Gold-OA-Zeitschriften durchzusetzen (Mittermaier, 2023, S. 222). 

Bereits am 6. September 2023 gab das DEAL-Konsortium den Abschluss eines  DEAL-Vertrags mit Elsevier bekannt. Diese Ankündigung führte zu regen Diskussionen, u.a. bei der Satelliten-Konferenz “Wissenschaftsgeleitetes Open-Access-Publizieren” und auf den Open-Access-Tagen in Berlin. Befürchtet wurde, dass zukünftig weniger finanzielle Mittel für die Unterstützung von APC/BPC-freien Modellen zur Verfügung stehen könnten, da die Ressourcen für die DEAL-Verträge verwendet würden. 

…und alternative Ansätze 

Wie bereits im Vorjahr war auch in 2023 Diamond bzw. wissenschaftsgeleitetes Open Access Gegenstand vieler Diskussionen, Studien und Positionspapiere. Hinter diesen teilweise unzureichend bestimmten Begriffen (siehe Dellmann et al. 2022) verbirgt sich die Diskussion darüber, wie Open Access strategisch weiterentwickelt werden soll: weg von APC/BPC-basiertem Open Access und hin zu nachhaltigen, fairen und sicheren Publikationsformen und -infrastrukturen in der Wissenschaft. Siehe hierzu die im September 2023 veröffentlichten “Thesen zur Zukunft des wissenschaftsgeleiteten Open-Access-Publizierens”.

Bedeutende Forschungs- und Förderorganisationen haben sich 2023 zu diesem Thema positioniert: Am 26.01.2023 gab die cOAlition S bekannt, Ende 2024 die Finanzierung von OA-Publikationen in Publikationsorganen mit Transformationsvereinbarungen einzustellen. Es sollen keine Anreize gesetzt werden, eine Überführung von Publikationsangeboten hin zu Open Access hinauszuzögern und hybride Geschäftsmodelle zu fixieren. Im März 2023 gab die DFG bekannt, dass sie den  "Action Plan für Diamond Open Access" unterstützt, im Mai folgte das Positionspapier der TU9-Bibliotheken zu Open-Access-Büchern.

Weichenstellungen und Positionierungen gab es auch auf EU-Ebene: Im Mai 2023 ermutigte der Rat der Europäischen Union, Open Research Europe als Open-Access-Veröffentlichungsdienst zu unterstützen. Die Open-Access-Transformation wird seitens der EU u.a. in den EU-Projekten Diamas (gestartet bereits am 1.9.2022), Palomera und CRAFT-OA (gestartet am 1.Januar 2023) vorangetrieben.

Außerhalb Europas traf sich die OA-Community im Oktober im mexikanischen Toluca zum Global Summit on Diamond Open Access. In der Schlusserklärung der Konferenz sprachen sich die teilnehmenden und unterzeichnenden Organisationen dafür aus, neue und bereits bestehende Zeitschriften, Repositorien und Publikationen für Diamond-OA zu unterstützen, um u.a. einen fairen Zugang zu qualitätsgesicherten wissenschaftlichem Wissen für alle zu gewährleisten. 

Mit Empfehlungen zum verantwortungsvollen wissenschaftlichen Publizieren hat sich Ende Oktober auch die cOAlition S zu Wort gemeldet und gleichzeitig eine Umfrage in der Wissenschaftscommunity gestartet. Die Koalition empfiehlt darin, wissenschaftsgeleitetes Open Access, um ein gerechtes, effizientes, faires und nachhaltiges Publikationssystem zu erhalten bzw. herzustellen. 

Um die Realisierung eines solchen fairen Open Access bemühen sich mittlerweile einige Initiativen und Projekte. Zum Jahresbeginn 2023 starteten z.B. die ersten KOALA-Konsortien in die operative Phase: Vier sozialwissenschaftliche Zeitschriften und zwei Buchreihen aus der Medienwissenschaft werden bis Ende 2025 über Bibliothekskonsortien finanziert. Anfang 2024 folgt das bis Ende 2026 finanzierte KOALA-Bündel Mathematik & Informatik.

Highlights aus open-access.network

Die Projektförderung für open-access.network durch das BMBF wurde bis Ende 2025 verlängert, wodurch 2023 die 2. Förderperiode begann. 

Die Webinar-Reihe oa.talk konnte mit insgesamt 8 Veranstaltungen bereits fortgeführt werden. Mehrere neue Workshop-Reihen für verschiedene Zielgruppen und zu verschiedenen Themen ergänzen das bestehende Angebot: So fand bereits ein Workshop für die Infrastruktur und Forschungsadministration sowie eine Veranstaltung für die Ressortforschung statt. 

Außerdem startete nach der Sommerpause die neue Veranstaltungsreihe "Die Open-Access-Transformation nachhaltig gestalten. Diamond Open Access als Alternative". In der ersten Veranstaltung berichtete Daniela Hahn aus dem Projekt PLATO über Stand und Entwicklung von Diamond (Platinum) Open Access in der Schweiz, Niels Taubert von CODRIA gab einen Überblick über Diamond Open Access-Zeitschriften in Deutschland und Alexander Pöche informierte auf Grundlage der Erfahrungen im KOALA-Projekt über die Herausforderungen der Anbahnung und Verwaltung einer konsortialen Finanzierung.

Im September 2023 fand der erste Workshop der neuen Reihe “Finanzielle Gestaltung der Open-Access-Transformation an Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen” statt. Im Rahmen dieser Fortbildungsreihe werden Themen rund um die Einführung des Informationsbudgets behandelt. Hinter dem Begriff Informationsbudget verbirgt sich ein umfassendes Monitoring von Publikationskosten an wissenschaftlichen Bibliotheken, auf dessen Grundlage Budgets für Open Access in Zukunft geplant werden sollen (siehe Mittermaier, 2022). Der Auftaktworkshop am 13.9.2023 bot zunächst einen Überblick über den Stand der Diskussion. Die zweite Veranstaltung unter dem Titel “Erste Schritte zum Informationsbudget. Publikationskosten erfassen und sichtbar machen” ist für den 7. Februar 2024 geplant. 

Dass der Austauschbedarf zum Thema Informationsbudget groß ist, zeigte auch das rege Interesse an der Digitalen Fokusgruppe Informationsbudget. Die Gruppe hat 2023 in fünf Unterarbeitsgruppen die Zusammenarbeit fortgesetzt (siehe Barbers et al. 2023). Ihre Arbeit war für uns im Jahr 2023 ein echtes Highlight, da sie zeigt, wie wichtig und fruchtbar der Austausch in der Open-Access-Community ist. Mehr Informationen zu den Digitalen Fokusgruppen finden sich hier.

Um Austausch und Vernetzung geht es auch bei den jährlich stattfindenden Barcamps und Staff Weeks. Im vergangenen Jahr haben wir uns sehr gefreut, dass sowohl das Open Access Barcamp im März 2023 am KIM der Universität Konstanz als auch die Staff Week im Dezember 2023 an der Bibliothek der Universität Braunschweig wieder in Präsenz stattfinden konnten. Am 14. und 15. Mai2024 wird das nächste Open Access Barcamp an der SUB Göttingen stattfinden, bei dem wir hoffentlich wieder viele Open-Access-Begeisterte begrüßen dürfen.

Ein weiteres Highlight sind unsere beiden neuen Kurzclip-Reihen “Open-Access-Mythencheck” und die Kurzinterviews zum Thema Open Access und Klimaforschung. Weitere informative Videos sind im TIB AV-Portal zu entdecken.

Kurz vor Jahresende konnte dann auch noch der oa.blog starten - ein neues Feature von open-access.network, mit dem wir noch mehr als bisher mit der Community in den Austausch treten wollen. In diesem Sinne: Was waren eure Highlights? Gerne könnt ihr eure Sternstunden des letzten Jahres in den Kommentaren mit uns teilen. 

Literatur

Barbers, I., Bove, K., Grimm, S., Lauer, S., Riesenweber, C., Rösch, H., Schön, M., & Wenninger, A. (2023, September 27). Fokusgruppe "Informationsbudget" - Ziele und Zwischenergebnisse der Zusammenarbeit. Zenodo. https://doi.org/10.5281/zenodo.8413137

Dellmann, S., van Edig, X., Rücknagel, J., & Schmeja, S. (2022). Facetten eines Missverständnisses: Ein Debattenbeitrag zum Begriff „Diamond Open Access“. O-Bib. Das Offene Bibliotheksjournal, 9(3), 1–12. https://doi.org/10.5282/o-bib/5849

Mittermaier, B. (2022). Das Informationsbudget: Konzept und Werkstattbericht. O-Bib. Das offene Bibliotheksjournal, 9(4), 1–17. https://doi.org/10.5282/o-bib/5864

Mittermaier, Bernhard (2023). DEAL: Wo stehen wir nach 10 Jahren? (Teil 2) b.i.t.online, 26(3), 217-225, https://www.b-i-t-online.de/heft/2023-03-fachbeitrag-mittermaier.pdf

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