Wirtschaftswissenschaften

Open Access in den Wirtschafts­wissenschaften

Open Access ist immer auch Teil des Publikationsmarktes und des Publikationsverhaltens insgesamt. Dabei ist für die Wirtschaftswissenschaften insbesondere relevant, dass es hier eine ausgeprägte Preprintkultur gibt. Diese Veröffentlichungen vor einem Peer Review durch Fachzeitschriften erfolgen in der Regel als sogenannte "Working Papers" oder "Discussion Papers". Sie werden zumeist von wirtschaftswissenschaftlichen Instituten oder Fakultäten herausgegeben und sind in der Regel frei zugänglich. Die meisten Zeitschriftenartikel sind also vorab bereits als Working Paper erschienen (Baumann & Wohlrabe, 2020) und über fachliche Repositorien oder Nachweisdatenbanken wie SSRN, RePEc oder EconStor frei zugänglich. Zudem ist darüber gut ablesbar, wie sich das Publikationsaufkommen in der Wirtschaftsforschung entwickelt. 

Trotz der Preprintkultur sind Zeitschriftenartikel nach wie vor das wichtigste Publikationsformat in den Wirtschaftswissenschaften. Bei den Zeitschriften gibt es eine starke Fixierung auf Rankings (z. B. vom Forschungsmonitoring der ETH Zürich für das Handelsblatt oder die WirtschaftsWoche).
Die wichtigsten Fachverlage für wirtschaftswissenschaftliche Zeitschriften sind vor allem Elsevier, Springer und Wiley. Die Fachzeitschriften werden von den Verlagen zum überwiegenden Teil als Subskriptions- bzw. Hybrid-Zeitschriften angeboten. Daher hat der in den letzten Jahren zunehmende Trend zu überregionalen und nationalen Transformationsverträgen in Deutschland (wie etwa DEAL, siehe marketwatch) aber auch international zu einer Zunahme von Open-Access-Artikeln in Hybrid-Zeitschriften aus der Wirtschaftsforschung geführt. Dieser Effekt ist deutlich stärker als die Zunahme an Open-Access-Artikeln aus Gold-Open-Access-Zeitschriften. 

Innerhalb der Wirtschaftswissenschaften lässt sich noch nach den Sub-Disziplinen Volkswirtschaftslehre (VWL) und Betriebswirtschaftslehre (BWL) differenzieren. Dabei ist die Preprintkultur in der VWL stärker ausgeprägt, zudem ist der Anteil der – in beiden Fächern dominierenden – englischsprachigen Veröffentlichungen noch höher als in der BWL.

Open-Access-Zeitschriften

Open-Access-Zeitschriften spielen in den Wirtschaftswissenschaften immer noch eine untergeordnete Rolle. Ihr Anteil ist zwar in den letzten Jahren proportional gestiegen, liegt aber immer noch im einstelligen Prozentbereich, verglichen zu allen anderen Journals (Laakso & Björk, 2021). Dies hat verschiedene Gründe, u. a. die starke Bedeutung von Rankings, die vor allem etablierte (Subskriptions-)Zeitschriften bevorzugen und gleichzeitig eine geringe Bereitschaft von Autor*innen, in Open-Access-Zeitschriften mit APCs zu veröffentlichen (Severin et al., 2018). 

Folgende Open-Access-Zeitschriften spielen für die Wirtschaftsforschung, insbesondere in Deutschland, eine relevante Rolle (in Klammern die herausgebende Einrichtung bzw. der Verlag)

Interessant dabei ist die Tatsache, dass über die Hälfte der genannten Zeitschriften keine APCs erhebt, also dem Modell des Diamond Open Access folgt. Stattdessen werden die Publikationskosten hier eher über die herausgebenden Institute oder Fachgesellschaften getragen. Dies mag damit zusammenhängen, dass es in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, anders als in den Natur- und Lebenswissenschaften, keine ausgeprägte APC-Kultur gibt bzw. die Zahlung von APCs weniger verbreitet ist (Borrego 2023).

Im Rahmen des Diamond-Open-Access-Ansatzes werden seit einigen Jahren zunehmend wirtschaftswissenschaftliche Fachzeitschriften in ein Open-Access-Modell überführt. Dies geschieht auf zwei unterschiedlichen Wegen: Einerseits über kommerzielle Transformationsmodelle wie Subscribe to Open, über das z. B. der Verlag De Gruyter Brill mehrere wirtschaftswissenschaftliche Zeitschriften geöffnet hat. Zum anderen findet die Umstellung zunehmend auch in nicht-kommerziellen Kontexten statt, in denen die Titelrechte an einer Zeitschrift nicht bei einem kommerziellen Verlag, sondern bei einer Wissenschaftseinrichtung oder Fachgesellschaft liegen. Hier ist etwa die Open Library Economics der ZBW zu nennen, über die ebenfalls wirtschaftswissenschaftliche Zeitschriften in den Open Access überführt werden. 

Video zur Finanzierung von Open-Access-Artikeln

Quelle: Brinken, H. (2020). Finanzierung von Open-Access-Artikeln, open-access.network. https://doi.org/10.5446/49536 (CC BY 3.0 DE)

Open-Access-Bücher

Die Bedeutung von Verlagsmonographien für die wirtschaftswissenschaftliche Forschung hat in den letzten Jahren immer weiter abgenommen und spielt aktuell nur eine kleine Rolle, z. B. in Form von Sammelbänden oder als populärwissenschaftliche Veröffentlichungen bekannter Professor*innen. Davon ausgenommen sind Lehrbücher, die nach wie vor von einer großen Zahl an Studierenden genutzt werden. Gerade Lehrbücher und populärwissenschaftliche Titel sind jedoch aufgrund ihrer hohen Umsätze im traditionellen Verkaufsmodell (auch außerhalb von Bibliotheksetats) nur schwer in ein Open-Access-Geschäftsmodell zu transformieren. Einen guten Überblick über das Open-Access-Büchersegment an wirtschaftswissenschaftlicher Literatur aus den Bereichen Economics, Business, Management oder Finance bietet das Directory of Open Access Books (DOAB) – dort werden mehrere hundert Open-Access-Bücher aus diesem Themenfeld gelistet. 

Die weitere Finanzierung von Open-Access-Büchern wird zunehmend durch institutionelle Open-Access-Monographienfonds unterstützt, die in Deutschland an immer mehr Wissenschaftseinrichtungen entstehen (vgl. dazu auch die Fokusgruppe Open-Access-Monographienfonds). 

Disziplinäre Repositorien

In den Wirtschaftswissenschaften gibt es nicht nur "das eine" Fachrepositorium, vielmehr sind hier über die Jahre mehrere relevante Publikationsorte entstanden, die nicht nur, aber doch vor allem für die im Fach bestehende Publikationskultur der Preprints (bzw. Working Papers) relevant sind.

Zu den wichtigsten Repositorien in den Wirtschaftswissenschaften gehören:

  • SSRN: Das zum Elsevier-Konzern gehörende Social Science Research Network (SSRN) deckt zwar ein größeres Fächerspektrum ab als nur die Wirtschaftswissenschaften, gilt aber vor allem in der Wirtschaftsforschung als größtes Fachrepositorium der Disziplin. Insgesamt hat man hier Zugriff auf etwa 1,6 Millionen Volltexte im Open Access, wobei etwa 900.000 auf den Bereich Wirtschaftswissenschaften entfallen.
  • EconStor: Der Publikationssserver der ZBW - Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft enthält etwa 300.000 Volltexte im Open Access. Dies sind vor allem Working Papers, aber auch Konferenzbeiträge und Zeitschriftenaufsätze. Die EconStor-Publikationen sind auch Teil des RePEc-Angebots und werden darüber hinaus in Google Scholar und EconBiz nachgewiesen.
  • AgEcon Search: Das fachliche Repositorium wird von der University of Minnesota betrieben und hauptsächlich durch die Fachgesellschaft "Agricultural and Applied Economics Association" finanziert. Es enthält etwa 200.000 frei zugängliche Volltexte, v. a. aus den Bereichen der Agrarökonomie und der angewandten Ökonomik. Alle Publikationen auf AgEcon Search sind auch in RePEc nachgewiesen.
  • MPRA: Das Munich Personal RePEc Archive (MPRA) wird an der Universitätsbibliothek München gehostet und enthält über 60.000 wirtschaftswissenschaftliche Publikationen aus aller Welt. Diese stammen in der Regel nicht von Institutionen oder Verlagen, sondern werden von Einzelforscher*innen per Self-Upload eingereicht und dann von einem Redaktionsteam freigeschaltet und in RePEc nachgewiesen.

Eine Übersicht zu relevanten Repositorien bietet das Open Directory of Open Access Repositories (OpenDOAR).

Video über das Zeitveröffentlichungsrecht

Quelle: Brehm, E. (2021). Zweitveröffentlichungsrecht für Wissenschaftler*innen, open-access.network. https://doi.org/10.5446/51789 (CC BY 3.0 DE)

Sonstige Angebote

Bei vielen Wirtschaftsforschenden (vor allem in der VWL) ist die Plattform RePEc (Research Papers in Economics) bekannt. Sie stellt eine Mischung aus Verbundkatalog, Institutionen-Registry und Rankingsystem dar, wobei die ca. 5 Millionen Nachweise für den Verbundkatalog dezentral von den Wissenschaftseinrichtungen und Fachverlagen eingespielt werden. Mit Hilfe einer automatischen Zitationsanalyse und Downloadstatistiken sowie Angaben von über 70.000 Forschenden weltweit mit eigenen Accounts produziert RePEc u. a. Rankings von Forschenden, Wissenschaftseinrichtungen und Fachzeitschriften. Der gesamte Service ist nicht-kommerziell und kostenfrei und wird auf ehrenamtlicher Basis von verschieden Ökonomen auf verteilt liegenden Servern betrieben.

Das vom ZBW - Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft betriebene Suchportal EconBiz umfasst über 10 Millionen Publikationsnachweise und kann in der Suche auch auf Open-Access-Volltexte eingeschränkt werden. Zudem gibt es hier einen weltweiten kalendarischen Überblick zu z. B. Fachtagungen, Kongressen und Sommerkursen in den Wirtschaftswissenschaften.

Open Science in den Wirtschafts­wissenschaften

Unter den weiteren Open-Science-Aspekten mit Relevanz für die Wirtschaftswissenschaften ist insbesondere der Bereich der Forschungsdaten zu nennen, diese werden mehr und mehr offen und nach den FAIR-Prinzipien zugänglich gemacht. Hier kümmert sich in Deutschland unter anderem der Rat für Sozial- und Wirtschaftsdaten (RatSWD) um die Weiterentwicklung und hat dabei etwa Kriterien für den Zugang zu fachlichen Forschungsdatenzentren entwickelt. Zudem gibt es im Rahmen der Initiative NFDI (Nationale Forschungsdateninfrastruktur) auch fachliche Konsortien aus den Wirtschaftswissenschaften, z. B. KonsortSWD oder BERD.

Darüber hinaus kümmert sich vor allem die ZBW um die Weiterentwicklung von Open Science in den Wirtschaftswissenschaften, beispielsweise mit ihren Forschungsaktivitäten, der jährlich stattfindenden Open Science Conference sowie umfangreichen Marketingaktivitäten. Außerdem gibt es hier mit dem Open Economics Guide auch ein eigenes Informationsangebot für die Zielgruppe Wirtschaftsforschung.

Literatur

  • Baumann, A., & Wohlrabe, K. (2020). Where Have All the Working Papers Gone? Evidence from Four Major Economics Working Paper Series. https://hdl.handle.net/10419/219146
  • Borrego, Á. (2023). Article processing charges for open access journal publishing: A review. Learned Publishing, 36: 359-378. https://doi.org/10.1002/leap.1558
  • Laakso, M., & Björk, B.-C. (2021). Open access journal publishing in the business disciplines: A closer look at the low uptake and discipline-specific considerations. https://doi.org/10.1177/09610006211006769
  • Severin, A., Egger, M., Eve, M. P., & Hürlimann, D. (2020). Discipline-specific open access publishing practices and barriers to change: an evidence-based review. F1000Research, 7, 1925. https://doi.org/10.12688/f1000research.17328.2

Bearbeitung der Inhalte dieser Seite: Olaf Siegert, Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft (Stand: August 2025)