Danke für diese Stellungnahme, der nichts hinzuzufügen ist, weil sie alle Sollbruchstellen und Desiderate benennt.

Stellungnahme des scholar-led.network zum Leopoldina-Papier zur Diamond-Open-Access-Finanzierung
Das scholar-led.network versteht sich als Interessenvertretung von Akteur*innen des wissenschaftsgeleiteten Publizierens im deutschsprachigen Raum. Es besteht aus Akteur*innen, die unterschiedliche Positionen im Publikationssystem einnehmen und die teilweise institutionell angebunden, teilweise frei affiliiert sind. Die Netzwerkmitglieder vertreten diverse disziplinäre und fachliche Zusammenhänge, wobei die Natur-, Lebens- und Technikwissenschaften gegenwärtig unterrepräsentiert sind.
Diese Stellungnahme zum Diskussionspapier “Ein neues Verfahren zur direkten Finanzierung und Evaluation wissenschaftlicher Zeitschriften” der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina (im Folgenden: Leopoldina) von 2025 möchte entsprechend die Perspektive eines Netzwerks des wissenschaftsgeleiteten Publizierens stark machen und ist in dieser Hinsicht parteiisch. Das Netzwerk versteht dabei wissenschaftsgeleitetes Publizieren vor allem als wertegeleitetes Publizieren: Kooperation, Allgemeinwohl, Nachhaltigkeit, Bibliodiversität und grundsätzlich nicht-kommerzielle Modelle sind für das Netzwerk leitend (scholar-led.network 2022).
In dieser Konsequenz geht diese Replik nur auf jene Punkte des Diskussionspapiers ein, die unmittelbar Interessen des Netzwerks berühren: Dazu gehören die finanziellen Rahmenbedingungen und angenommenen Kostenstrukturen, die vorgeschlagenen Auswahlmechanismen und Reputationsindikatoren sowie die konkrete Umsetzung des Förderanspruchs in den Verfahren der Antragstellung.
Nachhaltige Finanzierung von Diamond Open Access: Ein unterstützenswertes Ziel
Verschiedene wissenschaftspolitische Stimmen, etwa der Rat der Europäischen Union, cOAlition S und die Allianz der Wissenschaftsorganisationen, haben Diamond Open Access als wegweisenden Lösungsansatz für die Reorganisation des wissenschaftlichen Publizierens hervorgehoben. Auch im Bereich der wissenschaftsgeleiteten Publikationsinfrastrukturen hat sich mit Projekten wie DIAMAS, CRAFT-OA und jüngst mit der Einrichtung der Servicestelle Diamond Open Access (SeDOA) viel getan. Nachhaltige Finanzierungskonzepte blieben jedoch eine Leerstelle, die vor allem jene Diamond-Open-Acess-Publikationen vor große Herausforderungen stellt, die nicht über eine direkte institutionelle Förderung verfügen (vgl. Taubert et al. 2024). Aktuelle Modelle für die Konsortialfinanzierung von Diamond Open Access setzen wichtige Impulse (z. B. KOALA, OLEcon), ermöglichen jedoch noch keine verlässliche und nachhaltige Finanzierung, die den mittelfristigen Planungshorizont von Ausgaben und redaktioneller Arbeit abdeckt (Ganz et al. 2024).
Nachhaltige Finanzierungsmodelle sind aus unserer Sicht dringend erforderlich, auch um perspektivisch eine weitere Professionalisierung des wissenschaftsgeleiteten Publizierens zu befördern. Dass die Leopoldina nun einen Verfahrensvorschlag für die direkte Finanzierung und Evaluation wissenschaftlicher Zeitschriften vorgelegt hat, ist deshalb ausdrücklich zu begrüßen. Die Vorschläge sollten jedoch daraufhin hinterfragt werden, vor welchem fachlichen Hintergrund sie entwickelt wurden. Die Natur- und Lebenswissenschaften prägen unserer Lesart nach die von der Leopoldina vorgelegten Vorschläge und werden durch die Adressierung des Gesamtsystems im Vorschlag zugleich verallgemeinert. Und auch wenn die Wissenschaften umfassend und im Plural angesprochen sind, besteht unseres Erachtens die Gefahr einer Marginalisierung. Fach- und Publikationskulturen, die sich etwa hinsichtlich der Rolle von Fachgesellschaften, der wirtschaftlichen Bedeutung von Publikationen für diese Gesellschaften, der Quantität und Verteilung des Publikationsoutputs, epistemischer Differenzierungen innerhalb der Disziplinen und nicht zuletzt Ökonomien der Reputation anders organisieren, werden in diesen Vorschlag aus unserer Sicht nicht ausreichend einbezogen.
Angesichts steigender Publikationszahlen und Publikationskosten im globalen Publikationsmarkt, seiner zunehmenden Oligopolisierung sowie der Marginalisierung von Forschenden durch Geschäftsmodelle, die auf Publikationsgebühren basieren, halten wir das Leopoldina-Papier daher für unbedingt diskussionswürdig.
Was darf Open Access kosten?
Das Leopoldina-Papier positioniert eine dauerhafte öffentliche Finanzierung von Diamond Open Access als Alternative zu subskriptions- und APC-basierten Modellen. Um eine Transformation der bisherigen Finanzierungswege zu erreichen, werden im Papier einige interessante Eckpunkte vorgelegt. Grundprinzip ist die Förderung von wissenschaftlichen Publikationen (Texte und Daten) im Diamond Open Access durch öffentliche Mittel. Die Vergabe dieser Mittel soll, ähnlich wie bei der Forschungsförderung, in einem Antrags- und Begutachtungsverfahren erfolgen. Was sich auf den ersten Blick als sinnvolle Alternative zum jetzigen System darstellt, wirft im Detail Fragen auf.
Die Feststellung, dass die Finanzierung von wissenschaftlichen Publikationen eine Daueraufgabe darstellt, ist aus unserer Sicht sehr zu begrüßen. Fragwürdig ist jedoch, ob eine Begutachtung, die in der Praxis durch einzelne Wissenschaftler*innen durchgeführt wird, dazu geeignet ist, diese Dauerhaftigkeit zu garantieren. Notwendig wären dafür zumindest klare Kriterien für wissenschaftliche Qualität und angemessene Kosten einer Zeitschrift. Zu beachten ist auch, dass durch ein solches Verfahren Erfordernisse an die Antragstellung, an den regelmäßigen Vergleich von Dienstleistungsangeboten und an das Reporting implementiert werden, die zusätzliche Ressourcen binden. Dieser Ansatz unterläuft die Idee der garantierten Dauerhaftigkeit und setzt Zeitschriften unter einen auf die Evaluation hin ausgerichteten Performanzdruck. Kosten und Ertrag eines solchen Antrags-Evaluationsmodells sind auch hinsichtlich der zu erwartenden erheblichen Implementierungskosten kritisch zu sehen.
Aus unserer Sicht ist der wichtigste Aspekt des Leopoldina-Papiers zunächst, dass er eine strategische Diskussion darüber eröffnet, was eine faire und transparente Finanzierung des Diamond-Open-Access-Publizierens bedeutet und zwar differenziert nach notwendigen Kosten und weiteren Kostenpunkten, die gegebenenfalls auch eingespart werden könnten. Das Papier kritisiert zurecht, dass sich die Kosten im aktuellen APC-Modell in einem breiten Rahmen bewegen, der “nicht notwendigerweise die tatsächlichen Kosten widerspiegelt, sondern auch Ausdruck der Marktposition von besonders renommierten Zeitschriften ist” (S. 26). Die Leopoldina schlägt vor, die Kosten entlang von einzelnen Kostenbestandteilen transparent zu gestalten und so an den jeweiligen disziplinären Anforderungen zu orientieren (S. 33). Eine Kostenersparnis ergibt sich dadurch in erster Linie durch das Flipping besonders renommierter, von Fachgesellschaften herausgegebenen Zeitschriften, die bislang hohe APC verlangen.
Grundsätzlich schlägt das Leopoldina-Papier also ein Modell vor, das im Umfeld weniger großer Unternehmen wettbewerbsfähig sein will. Die Skalierung des Diamond-Open-Access-Modells wird aber Auswirkungen auf die Organisationsformen derjenigen Zeitschriften haben, die bereits heute durch das Engagement Gemeinwohl- oder zumindest Community-orientierter Wissenschaftler*innen herausgegeben werden und die in der Regel aktuell unterfinanziert sind. Die Idee, dass zunächst nur ausgewählte Zeitschriften an diesem neuen System teilhaben können, und mögliche Budget-Anpassungen anhand bestimmter Erfolgsfaktoren erfolgen (S. 22), führen eine im Vergleich zur aktuellen Situation des kommerziellen Publizierens nicht minder problematische, Community-interne Konkurrenzkonstellation ein.
Letztlich ist fraglich, ob die im Papier postulierte Kostensenkung mit dem Fokus auf das Renommee der Zeitschriften tatsächlich erreicht werden kann. Auf dieser Annahme ein umfassendes Finanzierungsprogramm zu begründen, scheint risikoreich. Eine Diamond-Open-Access-Infrastruktur, in der sich Publizierende weniger im Wettbewerb befinden, sondern sich gemeinwohlorientiert wechselseitig unterstützen, kann in der Summe kosteneffektiver sein, als ein im Kern auf Anträge und Evaluation ausgelegtes Modell. Alternative Modelle der Finanzierung sollten deshalb unbedingt weiter ausdifferenziert und diskutiert werden.
Wann ist eine Zeitschrift relevant genug für die Finanzierung?
Das Leopoldina-Papier verweist zurecht auf die Reputationsökonomie und die ihr zugrunde liegenden Verzerrungen als ausschlaggebenden Faktor im Wissenschaftssystem. Die artikulierte Erwartung, dass zu Beginn vor allem “Betreiber von bereits etablierten Zeitschriften” die Förderung in Anspruch nehmen (S. 20), mit einer unmittelbar hierauf ausgerichteten, kompetitiven Begutachtung sowie verschiedene Verweise auf den Journal Impact Factor als “Maß für die Reputation” (S. 27, S. 33) werfen eine Reihe von Fragen auf.
Grundsätzlich führt die Idee, dass sich ein Zeitschriftentitel hinsichtlich der Leistung als auch Relevanz qualifizieren muss, einen Wettbewerbsdruck und Abhängigkeiten in das wissenschaftliche Publizieren ein, der den Eigengesetzlichkeiten der Wissenschaft entgegensteht. Akzeptanz und Relevanzbeurteilung der Zeitschriften sollte nicht in zyklischen Evaluationen, sondern als Ergebnis wissenschaftskommunikativer Aushandlungsprozesse in den Communities selbst erfolgen. Wird der wissenschaftskommunikative Aushandlungsprozess übergangen, stellt sich die Frage, wie die Diversität von Publikationen und Wissenschaftscommunities über das gesamte wissenschaftliche Fächerspektrum hinweg gewahrt und gefördert werden kann.
Aus den vorgegebenen Verfahren und Kriterien würde eine Konzentration von Mitteln auf einen spezifischen Ausschnitt wissenschaftlicher Zeitschriften resultieren, die in bestimmten Fächern besonders vertreten sind.
In der jeweiligen Fachcommunity existieren bereits ausgehandelte Standards wissenschaftlicher Qualität, auf die zurückgegriffen werden kann. Gerade weil der Journal Impact Factor in vielen Communities nicht relevant ist und die Messung von Qualität sowohl von Zeitschriften als auch von Individuen durch den Journal Impact Faktor sehr kritisch beurteilt wird, sollte die geforderte Reform des Reputationssystems etwa durch DORA und CoARA stärker berücksichtigt werden (vgl. Allianz der Wissenschaftsorganisationen 2025).
Die Gefahr besteht, dass Diamond-Open-Access-Entwicklungen in anderen Disziplinen, die weniger einer Reputationsökonomie folgen oder dem hier adressierten, klassischen Zeitschriftentypus entsprechen, verlangsamt werden. Auch eine systematische Überführung des gesamten wissenschaftlichen Zeitschriftenkorpus in das Diamond-Open-Access-Modell ist auf diesem Weg nicht zu erwarten, sondern vielmehr eine Verfestigung bestehender Mechanismen. Dies hätte unter anderem zur Folge, dass in bestimmten Fächern und für bestimmte, schon erfolgreiche Publikationen mehr Mittel gebunden werden als in anderen. Der Hinweis im Papier, dass Reputationsaufbau Zeit benötige (S. 35), verdeutlicht diesen Widerspruch.
Es ist ein nachvollziehbares Argument, dass die Umstellung etablierter Publikationen in ein Diamond-Open-Access-Modell eine Signalwirkung haben kann. Eine tatsächliche Sogwirkung im Sinne eines “Durchsickerns” der Effekte auf das Gesamtsystem, einschließlich auf Publikationen, die weniger gut institutionell eingebunden oder beispielsweise in “Kleinen Fächern” bedeutsam sind, ist jedoch aus den oben genannten Gründen fraglich.
Die Rolle der Fachgesellschaften
In dem von der Leopoldina vorgeschlagenen Modell spielen die Fachgesellschaften eine zentrale Rolle. Sie sollen Finanzierungsanträge ebenso einreichen können wie öffentliche Forschungseinrichtungen. Dieser Ansatz birgt enormes Potential, um das Publikationswesen stärker wissenschaftsgeleitet zu organisieren; auch aus unserer Sicht ist die aktive Einbindung der Fachcommunities eine zentrale Voraussetzung für das Gelingen der Open-Access-Transformation. Insbesondere größere Fachgesellschaften, die bereits eigene Periodika herausgeben und hauptamtliches Personal beschäftigen, könnten für derartige Anträge in Frage kommen. Offen bleibt, in welchem Ausmaß in diesen Organisationen die Bereitschaft vorhanden ist, diese Rolle einzunehmen; auch haben sie in vielen Fällen vermutlich nicht ausreichend Kapazitäten und Expertise, um Förderanträge ohne Hilfestellung auszuarbeiten. Diese Hilfestellung könnte von Infrastruktureinrichtungen wie Bibliotheken oder Fachinformationsdiensten geleistet werden, was wiederum voraussetzt, dass an diesen Stellen entsprechende Kapazitäten vorhanden sind.
Zugleich ist die Landschaft der Fachgesellschaften je nach Disziplin sehr heterogen. Viele (Teil-)Forschungsgebiete sind – wenn überhaupt – nur in sehr kleinen Fachgesellschaften vertreten, die rein ehrenamtlich aufgestellt sind. Oder diese Forschungsgebiete sind aufgrund ihrer dynamischen und interdisziplinären Natur überhaupt nicht in den Strukturen von Fachgesellschaften organisierbar. Vor diesem Hintergrund muss die Frage adressiert werden, wie kleine, wenig organisierte oder auch sich neu bildende Forschungsgebiete bzw. Fachcommunities mit nur wenig Ressourcen bei dem Betrieb von Zeitschriften unterstützt werden könnten, um das System inklusiv auszugestalten, auch im Sinne der Bibliodiversität.
Zum eigentlichen Begutachtungsprozess für die Publikationsorgane muss die Frage adressiert werden, welche Instanz gemäß welcher Autorität die Auswahl der Begutachtenden vornehmen soll. Ferner birgt ein derart zentralisiertes Fördermodell das Risiko politisch motivierter Einflussnahme. Angesichts der dargestellten Hürden möchten wir die Frage aufwerfen, ob ein solch umfassendes Modell ausreichend skalieren kann, um, wie intendiert, in der Breite des Wissenschaftssystems wirken zu können.
Fazit
Eine nachhaltige Finanzierung auf die Beine zu stellen, die an den tatsächlichen Bedarfen des Zeitschriftenmachens orientiert ist, sollte das gemeinsame Ziel des Wissenschaftssystems sein. Das Leopoldina-Papier liefert dazu gute Anstöße und Überlegungen. Unsere Kritik bezieht sich im Kern darauf, dass das vorgeschlagene System durch den Fokus auf das Flipping von Zeitschriften mit hohem Journal Impact Factor eine Situation schaffen könnte, die insbesondere bestimmte Fachkulturen sowie Zeitschriften benachteiligt, die Ansätze von scholar-led-Publishing und Diamond Open Access verbinden.
Wir begrüßen den Anstoß des Leopoldina-Papiers, das wissenschaftliche Publizieren als Daueraufgabe verstetigen zu wollen und unterstützen die Diskussion darüber, was eine faire und transparente Finanzierung des Diamond-Open-Access-Modells kosten darf. Aus Sicht des scholar-led.network wäre zum jetzigen Zeitpunkt wünschenswert, dass ein breiterer Ansatz verfolgt wird, von dem nicht nur wenige Zeitschriften profitieren. Fraglich ist zudem, ob die Erwartungen, die hier insbesondere an Fachgesellschaften gerichtet werden, umsetzbar sind. Dass wir mittlerweile über konkrete Finanzierungsmodelle für Diamond Open Access diskutieren, ist eine positive Entwicklung. Neben vielen anderen Akteur*innen sind auch die Mitglieder des scholar-led.network gern bereit, an dieser Diskussion teilzunehmen.
Literatur
- Allianz der Wissenschaftsorganisationen (2025). Die Weiterentwicklung von Bewertungsverfahren für Forschungsleistungen im Kontext von Open Science. https://doi.org/10.5281/zenodo.15818266
- Ganz, K., Finger, J., Schotten, S., Steiner, T., & Wrzesinski, M. (2024). Faires Open Access braucht Redaktionen: Gegen die technokratische Vernachlässigung von Redakteur*innen in der Debatte um Not-for-Profit Open Access. oa.blog. https://open-access.network/blog/faires-open-access-braucht-redaktionen-gegen-die-technokratische-vernachlaessigung-von-redakteurinnen-in-der-debatte-um-not-for-profit-open-access
- Scholar-led.network. (2022). The scholar-led.network-Manifesto. https://doi.org/10.5281/zenodo.7079936
- Taubert, N., Sterzik, L. & Bruns, A. (2024). Mapping the German Diamond Open Access Journal Landscape. Minerva 62, 193–227. https://doi.org/10.1007/s11024-023-09519-7
Zitiervorschlag
Czolkoß-Hettwer, M., Eppelin, A., Ganz, K., Kaden, B., Neufend, M., & Wrzesinski, M. (2025). Stellungnahme des scholar-led.network zum Leopoldina-Papier zur Diamond-Open-Access-Finanzierung. open-access.network. doi.org/10.64395/6xja2-3k292.
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