„Offenheit als Grundsatz“: Das Positionspapier zur Entwicklung von Open Research in Berlin

„Offenheit als Grundsatz“: Das Positionspapier zur Entwicklung von Open Research in Berlin

Anfang Juli 2026 hat die Landesinitiative Open Research Berlin ein Positionspapier zur Entwicklung von Open Research in Berlin veröffentlicht. Unter dem Titel „Offenheit als Grundsatz“ enthält das neue Papier diverse Vorschläge und Ideen für Maßnahmen, um Open Access auf Open Research strategisch für Wissenschaft und Kulturerbe auszuweiten und im Berliner Forschungsraum zu verankern. Im Interview mit dem oa.blog erzählen Georg Fischer und Maike Neufend vom Open Research Office Berlin (OROB), das den Prozess koordiniert hat, von den Hintergründen, der Motivation und den Kernpunkten des Positionspapiers.

oa.blog: Wie kam es zur Erarbeitung des neuen „Positionspapiers zur Entwicklung von Open Research in Berlin“? 

OROB: Dazu ist es wichtig, einen Schritt zurück zu gehen: 2015 erschien die „Open-Access-Strategie Berlin“, die vom Berliner Abgeordnetenhaus verabschiedet worden war. Das Dokument legte den Grundstein für die kooperative Entwicklung von Open-Access-Aktivitäten für den Standort Berlin. Als Ziel wurde damals unter anderem ausgegeben, bis 2020 den Anteil der wissenschaftlichen Open-Access-Publikationen für Zeitschriftenartikel aus allen wissenschaftlichen Einrichtungen in der Zuständigkeit des Landes Berlin auf mindestens 60% zu erhöhen. Daneben sollten Open Access in den Berliner Hochschulverträgen verankert und die Diskussion über die Einbeziehung von Open Access als Indikator für die leistungsorientierte Mittelvergabe gefördert werden. Die Open-Access-Strategie sah außerdem vor, neben Text-Publikationen auch Forschungsdaten und Kulturdaten bzw. kulturelles Erbe als Handlungsfelder zu entwickeln. Das Open Research Office Berlin ist ebenfalls als Maßnahme aus der Berliner Open-Access-Strategie von 2015 hervorgegangen (2016 als „Open-Access-Büro Berlin“ gegründet, umbenannt 2025).

Nun sind gut zehn Jahre vergangen und die Wissenschaftswelt hat sich weitergedreht. Open Research wurde etwa in das Berliner Hochschulgesetz (BerlHG) aufgenommen: In Paragraph 41 werden Open Access und Open Science definiert und der Auftrag der Hochschulen beschrieben. Auch in der Praxis hat sich Open Access in vielen Bereichen als genereller Standard etabliert; Forschungsdaten zu teilen wird zunehmend beliebter und auch im Kulturbereich tut sich allerhand bei der digitalen Öffnung und Nutzung der Bestände, wie wir 2024 im Open-Access-Bericht Berlin festgehalten haben. Um den Entwicklungen Rechnung zu tragen und die Bedingungen – z. B. auf infrastruktureller oder rechtlicher Ebene – aktiv zu gestalten, wurde die „Landesinitiative Open Research Berlin“ ins Leben gerufen. Damit werden die Erfolge aus der Open-Access-Strategie von 2015 weitergeführt, mit Open Research wird aber nun der gesamte Forschungszyklus ins Auge genommen und neben der Wissenschaft werden weitere Wissenssysteme einbezogen. Die Landesinitiative legt nun nach einem partizipativen Prozess das „Positionspapier zur Entwicklung von Open Research in Berlin“ vor, das zahlreiche Vorschläge und gangbare Wege konturiert, um die Vorreiterrolle Berlins in Sachen Offenheit zu festigen.

oa.blog: In einem Satz zusammengefasst: Was versteht ihr unter „Open Research“ konkret?

OROB: In der Landesinitiative haben wir uns auf folgenden Konsens verständigt: Mit Open Research meinen wir einen gemeinsamen Bezugsrahmen, in dem verschiedene Praktiken und Prinzipien offener Forschung zusammengeführt werden, um Offenheit, Nachvollziehbarkeit und Teilhabe in Wissenschaft und Kultur zu erhöhen und den Dialog mit anderen Wissenssystemen zu verbessern.

oa.blog: Was versprecht ihr euch vom Positionspapier?

OROB: Berlin hat aufgrund der zahlreichen wissenschaftlichen und kulturellen Einrichtungen, die bereits jetzt vielfach miteinander vernetzt sind, einige Standortvorteile. Es gibt hier diverse gut eingespielte Verbünde und Kooperationen, die zu verschiedenen Themen gemeinsam arbeiten und Lösungen für geteilte Herausforderungen suchen. Dennoch können mit Open Research neue Potentiale gehoben und über Wissenschaft und Kultur hinaus verankert werden: etwa um die gegenseitige Durchdringung der Bereiche zu stärken oder die demokratische Aushandlungsfähigkeit – und damit auch das Gemeinwohl der Stadtgesellschaft – zu verbessern.

Die Landesinitiative knüpft hier mit ihrem Positionspapier zu Open Research an. Open Research kann folgende drei Standortvorteile für Berlin stärken: erstens Wissenstransfer und Vermittlung von Kunst und Kulturerbe, zweitens digitale Souveränität und Resilienz sowie drittens Kooperation und gemeinsame Infrastruktur. Offene Forschung und offene Kultur leisten einen elementaren Beitrag zur Stärkung von demokratischen Prozessen, Vielfalt und Wissensgerechtigkeit. Informationsinfrastrukturen stellen auf der anderen Seite, insbesondere wenn sie offen und kooperativ getragen sind, eine wesentliche Voraussetzung für die digitale Handlungsfähigkeit und Unabhängigkeit der Wissenschafts- und Kulturerbe-Einrichtungen dar. Kooperationen innerhalb Berlins schließlich schaffen Synergien, können die Effizienz erhöhen und stärken die Widerstandsfähigkeit des Wissenschafts- und Kulturstandorts. In dem Positionspapier skizziert die Landesinitiative entsprechende Maßnahmen und legt dar, wie diese ineinandergreifen.

Offene Forschung und offene Kultur leisten einen elementaren Beitrag zur Stärkung von demokratischen Prozessen, Vielfalt und Wissensgerechtigkeit.

oa.blog: Was sind die wichtigsten Eckpunkte und Themen? 

OROB: Das Papier formuliert insgesamt vier große Themen: Kulturen der Offenheit, Souveräne Wissensökosysteme, Faire Finanzierung und Open Research Monitoring.

Kulturen der Offenheit fördern Transparenz, Zusammenarbeit und den Austausch von Wissen in Fachdomänen und Öffentlichkeit. Erst in und mit Kulturen der Offenheit lassen sich souveräne Wissensökosysteme entwickeln, die es den Akteur*innen ermöglichen, ihre Publikationen, Informationen und Daten selbstbestimmt zu verwalten, ihre Forschungsprozesse offen zu gestalten und im Rahmen offener Praktiken langfristig zu etablieren und zu pflegen.

Gleichzeitig ist eine den Kosten angemessene, also faire Finanzierung notwendig, um die genannten Kulturen der Offenheit zu stärken und die Entwicklung souveräner Wissensökosysteme institutionell und langfristig zu verankern. Hier sieht es die Landesinitiative als unabdingbar an, die Berliner Einrichtungen mit angemessenen finanziellen Mitteln auszustatten. Zugleich müssen die Einrichtungen die Finanzentscheidungen so diversifizieren, dass die Finanzierung von Forschung inklusive Publikationen gerechter wird, d.h. nicht-gewinnorientiertes Open Research gefördert wird. Erst dann lassen sich die oben genannten Ziele erreichen.

Außerdem sehen wir ein intelligentes, kontextsensitives Monitoring von Open Research vor, das die Entwicklung in den vorherigen Themenbereichen dokumentiert und damit nachvollziehbar macht, ob die Prinzipien der Offenheit, Souveränität und Fairness gelebt werden und wo ein Nachsteuern ggfls. notwendig ist. Ein solches Monitoring ermöglicht also eine kontinuierliche Verbesserung und Anpassung der Maßnahmen.

oa.blog: Und welche konkreten Ziele adressiert das Papier?

OROB: Konkret sollen innerhalb der vier Themen folgende neun Ziele erreicht werden: Anerkennung, Kompetenzen und Rechtssicherheit in Bezug auf Open Research stärken; robuste Informationsinfrastrukturen kooperativ entwickeln und pflegen sowie das Engagement zur Unterstützung von Open Research verbessern; transparente Finanzierungsmodelle entwickeln und mit Leben füllen sowie eine koordinierte Transformation und Diversifizierung des Investitionsverhaltens einleiten; geeignete Methoden zur Beobachtung, Dokumentation und Monitoring von Open Research entwickeln und umsetzen.

oa.blog: Was habt ihr speziell für Open Access festgehalten? Welche Rolle sieht das Papier für Open Access im größeren Kontext von Open Research vor? 

OROB: Die Definition von Open Research basiert auf den vorhergehenden Initiativen und Empfehlungen, wie die Budapest Open Access Initiative (2002), das Bethesda Statement on Open Access Publishing (2003) und die Berlin Declaration on Open Access to Knowledge in the Sciences and Humanities (2003). Wenn es um die Veröffentlichung von wissenschaftlicher Information und Forschung durch die Mitglieder der Hochschulen geht, soll diese unter freien Lizenzen mit dem Ziel der Nachnutzbarkeit erfolgen (Open Access). Da Open Access sich in den vergangenen Jahren zu einem sehr lukrativen Geschäftsmodell für gewinnorientierte Verlage entwickelt hat, liegt ein Fokus aktuell auf einer Diversifizierung der Finanzentscheidungen von Hochschulen (faire Finanzierung) und entsprechend einer Förderung von Open Access als nicht-gewinnorientiertes Publizieren. Darunter verstehen wir nicht, dass faires Open-Access-Publizieren zwingend weniger kostet, aber die Investition in nachhaltige und wissenschaftsgeleitete Publikationsinitiativen und -Modelle erlaubt, Kosten und Preise nachvollziehbar und damit die Finanzierung durch die öffentliche Hand gerechter zu machen. Zugleich können die technologischen Investitionen und das Engagement der Wissenschaft für innovative Verfahren der Wissenschaftskommunikation an den Hochschulen besser verankert werden.

oa.blog: Wieso ist das Positionspapier auch für andere Einrichtungen und OA-Professionals interessant, obwohl es sich auf Berlin bezieht?

OROB: Bei der Erarbeitung des Papiers hat sich die Landesinitiative von zahlreichen existierenden Initiativen, Strategien und anderen Papieren inspirieren lassen, etwa von der UNESCO, der DFG und natürlich von Entwicklungen im Berliner Raum. Damit bilden wir den Status Quo in Sachen Open Research im Jahre 2026 ab, was für Einrichtungen und OA-Professionals, aber auch für interessierte Forschende insgesamt von Interesse sein dürfte. Die von uns adressierten neun Ziele enthalten kulturelle, rechtliche, infrastrukturelle, technische und finanzielle Aspekte in Sachen Open Research und sollen Impulse setzen, offene Wissenschaft und Kultur gemeinsam weiterzuentwickeln, also etwa die Arbeit von Bibliotheken, Archiven und Kulturerbe-Einrichtungen zusammen mit wissenschaftlicher Forschung und Lehre zu verzahnen und damit Synergien zu heben. Interessierte dürften daher Denkanstöße für einzelne Problemstellungen erhalten wie auch für das Gesamtpaket, das die Landesinitiative für Berlin nun anbietet. Schließlich unterstützt das Papier auch die überregionale Zusammenarbeit, z. B. mit Landesinitiativen aus anderen Bundesländern oder lokalen Akteur*innen. Wir haben hier gute Erfahrungen und eine enge Zusammenarbeit etwa mit den Kolleg*innen aus Nordrhein-Westfalen, dem Saarland oder Brandenburg.

oa.blog: Habt ihr im Strategieprozess Erfahrungen gemacht, von denen andere Akteure lernen können, die ähnliche Vorhaben verfolgen?

OROB: Es braucht einen langen Atem, um die verschiedenen Interessen der einzelnen Stakeholder zu diskutieren und unter dem Dach eines gemeinsamen Papiers zusammenzubringen. Das war im Berliner Fall nicht innerhalb von ein paar Monaten zu bewerkstelligen. Gleichzeitig war uns von Anfang an ein transparenter und partizipativer Konsultationsprozess zur gemeinsamen Erarbeitung des Papiers wichtig. Dies haben wir in einem Addendum dokumentiert, das vergleichbaren Initiativen hoffentlich Anregungen bietet.

Man muss darauf vorbereitet sein, dass sich externe Rahmenbedingungen ändern können, auf die man selbst keinen Einfluss hat. In unserem Fall etwa die Wiederholungswahl zum 19. Abgeordnetenhaus von Berlin am 12. Februar 2023, aber auch der Überfall Russlands auf das gesamte Staatsgebiet der Ukraine oder der Erfolg von KI-Technologien, der nun weite Teile des Forschungsprozesses berührt. In diesem Zuge wurden etwa Themen wie digitale Souveränität und Resilienz von technischen Systemen im Kontext Offenheit wichtiger, so dass wir in der Landesinitiative darauf reagierten. 

Last but not least ist das Positionspapier die Frucht des regelmäßigen Austauschs: nicht nur in der Landesinitiative sondern auch etwa vier Mal im Jahr mit den Open-Access-Beauftragten der Berliner Universitäten und Hochschulen. In diesen Runden sind über die Jahre zahlreiche Herausforderungen, Lösungswege und strategische Ansätze diskutiert worden, die in das Positionspapier gemündet sind.

oa.blog: Wie geht es nun mit dem Positionspapier weiter? Habt ihr bereits konkrete nächste Schritte für die praktische Umsetzung der Ziele vorgesehen?

OROB: Der Konsultationsprozess ist mit der Veröffentlichung des Papiers nicht abgeschlossen, sondern nun für die interessierte Öffentlichkeit geöffnet. Auf PubPub können alle, die mögen und sich einen Account anlegen, im Rahmen eines Public Review-Verfahrens das Papier kommentieren, Vorschläge, Ideen, Anregungen eingeben und sich so in den Prozess einbringen. Aktuell wird das Papier in den Gremien der betroffenen Berliner Einrichtungen diskutiert und weitere Schritte werden in den kommenden Sitzungen der Landesinitiative erörtert. Mit Spannung blicken wir auf die Wahl zum Abgeordnetenhaus von Berlin am 20. September, nach der sich für die großen wissenschaftspolitischen Vorhaben in Berlin die Weichen stellen werden.

oa.blog: Vielen Dank!

Das Interview führte für den oa.blog Sebastian Flaig. Für das OROB beantworteten die Fragen Georg Fischer und Maike Neufend.


Zitiervorschlag

Fischer, G., Flaig, S., Neufend, M. (2026): „Offenheit als Grundsatz“: Das Positionspapier zur Entwicklung von Open Research in Berlin. open-access.network. DOI: 


Dieser Beitrag ist lizenziert unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz (CC BY 4.0).


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