
Acting together for sustainable scholar-led publishing. Erste Schweizer Diamond-Open-Access-Konferenz legt Fokus auf Nachhaltigkeit
Mit Gipfeli und Schüemli begrüßten die Organisator*innen der ersten Schweizer National Diamond Open Access Conference in Bern ihre Teilnehmenden. Unter dem appellierenden Motto “Acting together for sustainable scholar-led publishing” hat das Projekt PLATO am 8. März 2024 Fachpublikum und Expert*innen nach Bern in das Kulturzentrum PROGR eingeladen. Dr. Daniela Hahn (PLATO, Universität Zürich) eröffnete die Veranstaltung und freute sich über die zahlreichen Teilnehmenden. Sie lobte den Erfolg der sieben Schweizer PLATO-Universitäten in Hinblick darauf, dass sie es gemeinsam geschafft haben, Diamond Open Access bekannter und sichtbarer zu machen und somit die Relevanz in der akademischen Gemeinschaft zu verdeutlichen. Laut Hahn komme es nun darauf an, das Problem der Nachhaltigkeit im Bereich der Diamond-Open-Access-Finanzierung und deren grundlegenden Infrastrukturen anzugehen.
Status quo: Viel Open Access, aber kaum Diamond Open Access
Daniela Hahn gab damit das Wort an ihre PLATO-Projektkolleg*innen Dr. Andrea Malits und Prof. Dr. Rudolf Mumenthaler, beide von der Universität Zürich. Auf Grundlage der Untersuchung “Mapping the Swiss Landscape of Diamond Open Access Journals” (2023) berichteten sie, dass viele Diamond Open Access Journals mit besonders niedrigen Budgets auskommen müssten und es ein größeres Angebot an professionellen Beratungsservices für solche Journals geben müsste. Eine Folge davon sei, dass viele Diamond Open Access Journals auf ehrenamtliche Mitarbeit angewiesen seien, die wiederum oft eine unsichere Basis für deren Nachhaltigkeit darstelle. Zur Visualisierung des Status Quo der Publikationslandschaft verwiesen sie auf den National Journal Monitor, der zeigt, dass nur 3,6% der Zeitschriftenartikel, die in den letzten fünf Jahren in der Schweiz veröffentlicht wurden, im Diamond Open Access erschienen sind. Insgesamt sind aber immerhin rund 68,5% der Artikel offen zugänglich und nur 31,5% im Closed Access erschienen .
Quelle: Journal Monitor (OAM-CH), aufgerufen am 21.03.2024.
Dieses Ergebnis steht bedauerlicherweise im Widerspruch zur 2017 ins Leben gerufenen Swiss National Open Access Strategie, die sich zum Ziel gesetzt hatte, dass “bis 2024 die gesamte wissenschaftliche Publikationstätigkeit in der Schweiz Open Access sein soll und alle mit öffentlichen Geldern finanzierten wissenschaftlichen Publikationen im Internet frei zugänglich sein müssen.” Ein Grund für die Schwierigkeit der Umsetzung der Strategie sei das dezentralisierte schweizerische Hochschulsystem, das sich durch föderale und kantonale Regelungen auszeichnet. Zukünftige Beschlüsse und Fortschritte im Bereich Diamond Open Access seien daher nur durch übergeordnete nationale und internationale Initiativen und Community-Arbeit möglich, wobei Malits und Mumenthaler einen Fokus auf Schweizer Gelehrten-Gesellschaften legen wollen.
Keine Nachhaltigkeit durch mangelhafte Finanzierung
Nach einer kurzen Pause stellte Vanessa Proudman (DIAMAS/Direktorin von SPARC Europe/SCOSS Executive Groupo Chair) in der ersten von drei Keynotes einige Erkenntnisse ihrer Projektarbeit bei DIAMAS mit dem Titel "Sustainable Diamond Open Access. What we know so far” vor. Dafür erläuterte sie zunächst den Begriff der Nachhaltigkeit, der im Fokus der Konferenz stand. Sie wies darauf hin, dass neben der langfristigen finanziellen Sicherheit auch z. B. Unabhängigkeit und Entwicklungsmöglichkeiten in der Definition von Sustainability enthalten und mitgedacht werden sollten. Die Ergebnisse der letzten DIAMAS-Studie haben ebenfalls ergeben, dass die meisten Diamond Open Access Journals mit sehr geringer Finanzierung auskommen müssen und auf Ehrenamtliche angewiesen sind. Universitätsverlage haben laut Proudman häufig das Problem, dass sie viel Zeit für Fundraising aufbringen müssen. Eine Teilnehmerin aus dem Publikum bestätigte diese Erkenntnis. Sie erklärte, dass sie Hilfe beim Fundraising benötige, da sie selbst keine Zeit dazu habe. Die Voraussetzungen, um finanziert zu werden, seien je nach Einrichtung unterschiedlich, was die Antragstellung uneinheitlich und damit noch komplizierter und aufwendiger mache. Vanessa Proudman bedankte sich für den Publikumsbeitrag und schlug vor, ihn als Fallbeispiel mit in die weitere Arbeit bei DIAMAS zu nehmen. Sie erklärte zudem, dass es generell mehr permanente öffentliche finanzielle Förderung für Diamond Open Access geben müsse, um einen gewissen Grad der Nachhaltigkeit zu ermöglichen. Dabei sei jedoch eine Hürde, dass solche Finanzierungen, wenn sie denn existieren, meist nur national möglich sind und der eigentlichen Diamond-Open-Access-Idee einer Internationalisierung widersprechen. Und genau dieser Frage der internationalen Finanzierung gehe DIAMAS ab sofort nach. Der dafür grundlegende Report “Into the financial sustainability of IPSPs” werde Anfang April 2024 veröffentlicht. Ergänzend dazu werde es laut Proudman bald ein Financial Sustainability Self-Assessment Tool für IPSPs geben, um die eigene Nachhaltigkeit überprüfen zu können.
Eine globale Diamond-Vernetzung
Die von Vanessa Proudman angesprochene Problematik der notwendigen internationalen Zusammenarbeit im Bereich Diamond Open Access griff daraufhin Pierre Mounier (OPERAS, École des Hautes Études en Sciences Sociales (EHESS) in der zweiten Keynote mit dem Titel “Towards a European Capacity Hub and a Global Federation for Diamond Open Access” auf. Er erklärte, dass OPERAS in Zusammenarbeit mit DIAMAS eine Struktur für einen internationalen Diamond-Open-Access-Knotenpunkt entworfen habe: Dabei bilden “Communities” die kleinsten Einheiten. Als Communities definiert Mounier Journals, die als "scholarly community” agieren. Einen nächsten Bestandteil der Struktur bilden “Capacity Centres”, die Journals mit Erste-Hilfe-Maßnahmen, also z.B. mit entsprechender Beratung zu Tools, Services oder Trainingsangeboten unterstützen. Diese Capacity Centres sollen wiederum von “Capacity Hubs” auf kontinentaler Ebene koordiniert werden. Die Capacity Hubs haben die Aufgabe, gemeinsame Ressourcen der Capacity Centres zu entwickeln, den Wissensaustausch unter den Centres zu organisieren und nach Synergien zu suchen. Auf dieser strukturellen Basis baue die “Global Federation” auf, die sich weltweit für den Fortschritt der Diamond-Open-Access-Transformation einsetzt, bei der Anpassung der entsprechenden Open-Access-Strategien unterstützt und einen globalen Diamond Open Access Summit organisiert. Eine Teilnehmerin aus dem Publikum freute sich über das Verbundvorhaben, da sie die Einrichtung, in der sie arbeitet, anhand der Definitionen von Mounier als Capacity Centre einordnen könne und die Vorteile einer solchen Zusammenarbeit in Form eines Hubs für ihre Arbeit als sehr hoch einschätze.
Die dritte Keynote hielt Dirk Verdicchio von der Universität Bern, der unter dem Titel “Building a Diamond Open Access Environment” seine Forschungsergebnisse zu Entstehungsprozessen von Diamond Open Access Journals berichtete. Bemerkenswert sei vor allem, dass es bei Redaktionen, die mit dem Berner Universitätsverlag zusammenarbeiten möchten, stark um das Vertrauen und sehr wenig um die technischen Grundlagen bzw. Voraussetzungen gehe.
Für eine nachhaltige Open-Access-Zukunft
Nach den drei Keynotes gab es eine Mittagspause, auf die am Nachmittag zwei Roundtables folgten. Als erstes diskutierten Valérie Andres (FHNW Bibliothek/Co-President AKOA), Jeanette Frey (Bibliothèque Cantonale et UniversitaireLausanne/Consortium of Swiss Academic Libraries), Beat Immenhauser (Swiss Academies of Arts and Sciences), Tobias Philipp (Swiss National Science Foundation) und Christian Schwarzenegger (swissuniversities) über die unterschiedlichen Initiativen für eine nachhaltige Zukunft der wissenschaftlichen Kommunikation. In der Diskussion wurde deutlich, dass es zunächst relevant sei, den festgefahrenen Kreislauf der finanziell begründeten Entscheidungen zu durchbrechen. Denn wenn Universitäten darauf angewiesen seien, renommierte Forscher*innen für ihre Einrichtung anzuwerben und die Voraussetzung für Renommée das Publizieren in großen, kommerziellen Journals bleibe, würden Universitäten gezwungen bleiben, ihre finanziellen Ressourcen weiterhin in diese großen Verlage fließen zu lassen. Die Folge wäre, dass kaum oder kein Budget für Open Access Journals übrig bleibe. Eine Publikationszukunft, die ohne Journals auskommt, konnte sich der Roundtable nicht vorstellen, da es einer Review-Struktur bedarf, die bisher nur im Journal-Format gegeben sei. Ohne die Qualität, die diese Review-Struktur bietet, würde zudem das Vertrauen in die Wissenschaft verloren gehen. Ein Gegenbeispiel war jedoch Wikipedia, wo die Zeit als Peer-Reviewer diene, weil Wikipedia-Artikel über die Zeit in der Community immer weiter verbessert und aktualisiert würden. In der Schlussrunde wurden die Expert*innen jeweils um ein abschließendes Statement gebeten: Valérie Andres betonte die Komplexität der Disziplinen und der Stakeholder, die wiederum unterschiedliche Bedarfe an Initiativen wissenschaftlicher Kommunikation mitbringen. Beat Immenhauser erklärte, dass er vor allem die Debatte über Qualität im Open-Access-Bereich für verbesserungswürdig halte. Die Annahme, dass Diamond-Open-Access-Artikel eher dazu neigen, Qualitätsmängel aufzuweisen, sei schlichtweg falsch. Die wiederkehrende Fokussierung und Thematisierung des vermeintlichen Qualitätsmangels könnte die Fehlannahme sogar bestärken, statt aufzuklären. Jeanette Frey schloss ihren Beitrag zum Roundtable mit einer Forderung nach einer zuverlässigen Finanzierung, die z.B. durch Konsortien gewährleistet werden könnte. Um zuverlässig zu sein, müsse Finanzierung jedoch projektunabhängig gegeben sein. Christian Schwarzenegger wies darauf hin, dass es in anderen wissenschaftlichen Bereichen auch immer wieder schwierig sei, eine Finanzierung zu erhalten und dass man mit einer gewissen Unsicherheit mit Blick auf die Zukunft leben müsse. Er wünsche sich zudem ein zentrales Eingangsportal für alle Schweizer Publikationen.
Aus den Fehlern und Erfahrungen lernen
Am zweiten Roundtable diskutierten Margit Dellatorre (Universitätsbibliothek Zürich/HOPE), Manuel Battegay (Präsident des Trägervereins Swiss Medical Weekly), Elio Pellin (Universitätsbibliothek Bern/CRAFT OA) und Klaus Rummler (PH Zürich/MedienPädagogik. Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung) zum Thema “Diamond Open Access Practices: Quality, Efficiency and Sustainability”. Dabei waren sich alle einig, dass je nach Disziplin unterschiedliche Merkmale wichtig seien, damit ein Journal gut funktionieren könne. Im Bereich Medizin sei ein besonders wichtiges Qualitätsmerkmal die Schnelligkeit, mit der ein Journal seine Artikel publiziert. An diesem Roundtable wurde auch darauf hingewiesen, dass viele Argumente, mit denen sich die Diamond Open Access Community konfrontiert sieht, dieselben seien, die gegen Closed Access oder Gold Open Access Journals existieren: dass sie zu teuer seien, dass ihre Qualität angezweifelt werde und die Zweifel an ihrer Nachhaltigkeit. In der Schlussrunde durften die Expert*innen ihre Wünsche für die Open-Access-Zukunft äußern.
Herausgegriffen sei hier der Kommentar von Elio Pellin, der sich wünschte, dass man nicht wieder dieselben Fehler mache, die man im Bereich Open Access bereits gemacht habe: Die großen Verlage dürften nicht wieder und wieder die finanziellen Ressourcen für Publikationen abgreifen. Stattdessen müsse man die Gelder in gemeinsame europäische Projekte investieren. Mit diesem Blick in die Zukunft endete die erste Schweizer National Diamond Open Access Conference in Bern.
Die Utopie als Motivation
Das Motto “Acting together for sustainable scholar-led publishing” fasst die Vorhaben der Projektreferent*innen perfekt zusammen. Nachhaltigkeit im Bereich Diamond-Open-Access ist sowohl in der Schweiz als auch in Deutschland ein Dreh- und Angelpunkt, der das Vertrauen in und somit die Etablierung von Diamond-Open-Acess-Publikationen beeinflusst. Die gemeinschaftliche Finanzierung nicht-kommerzieller Publikationsorte widerspricht dabei den eingefahrenen Marktlogiken wissenschaftlichen Publizierens, die auf großen Wissenschaftsverlagen und dem damit einhergehenden bibliometrischen Renommee basieren. Die Idee einer globalen Vernetzung, die die Projekte OPERAS, DIAMAS und CraftOA gemeinsam umsetzen wollen, klingt in Hinblick dessen besonders vielversprechend, gleichzeitig aber auch noch etwas utopisch. Das 2017 ins Leben gerufene Ziel der Swiss National Open Access Strategie, bis 2024 100% der Publikationen frei zugänglich zu publizieren, war ambitioniert. Aber: Obwohl dieses Ziel nicht komplett erreicht wurde, sind die Schweizer*innen ihm zumindest näher gekommen. Eine globale Diamond-Open-Access-Zusammenarbeit voranzutreiben, bedarf ebenfalls großer Ambitionen. Die konkreten Pläne und die motivierte Open Access Community in Bern scheinen dafür aber gute Voraussetzungen zu bieten.
Zitiervorschlag
Stork, K. (2024). Acting together for sustainable scholar-led publishing. Erste Schweizer Diamond-Open-Access-Konferenz legt Fokus auf Nachhaltigkeit. open-access.network. doi.org/10.64395/9q4ng-s1y18.
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