Open-Access-Infrastrukturen nachhaltig finanzieren

Bericht über ein Hands-on Lab auf der 113. BiblioCon

Die Entwicklung und der Erfolg von Open Access beruhen maßgeblich auf digitalen Informationsinfrastrukturen, die weltweit von Forschenden, Bibliotheken und anderen Einrichtungen genutzt werden. Diese Infrastrukturen stehen zunehmend unter Druck, da ihre Finanzierung oftmals projektbasiert erfolgt und der Übergang zu einer nachhaltigen, institutionellen oder konsortialen Finanzierung bisher nur in Teilen gelingt. Vor diesem Hintergrund widmete sich das Hands-on Lab dem Thema „Open-Access-Infrastrukturen nachhaltig finanzieren“ auf der 113. BiblioCon am 26. Juni 2025 (Pampel et al., 2025) speziell diesem Thema und versuchte, hier Lösungen aufzuzeigen. Ziel war es, gemeinsam mit Expert*innen und Teilnehmenden Herausforderungen, bestehende Modelle und zukünftige Perspektiven für tragfähige Finanzierungslösungen zu reflektieren und konkrete Entwicklungslinien für die deutsche Informationslandschaft zu skizzieren.

Einführung

Die Veranstaltung wurde von Heinz Pampel (Humboldt-Universität zu Berlin) moderiert. In seiner Einführung verwies Pampel auf den einflussreichen Aufsatz “The Ethnography of Infrastructure“ von Susan Leigh Star (1999). Darin definiert Star Infrastrukturen als sozio-technische Systeme, die sich durch ihre Einbettung in alltägliche Nutzungen auszeichnen, eine Einbettung, die sie für Nutzer*innen oftmals unsichtbar macht. Eine Infrastruktur “[b]ecomes visible upon breakdown“, so Star. Ihre Relevanz wird oft erst sichtbar, wenn sie ausfallen. Dieses Charakteristikum von Infrastrukturen erschwert nicht nur das öffentliche Verständnis für ihre systemerhaltende Rolle, sondern stellt auch eine politische Herausforderung dar. Denn gerade ihre Unsichtbarkeit im Alltagsbetrieb macht es schwierig, ihre Finanzierung langfristig zu sichern oder ihre Relevanz auf der politischen Agenda zu verankern. Im Kontext der offenen Wissenschaft bedeutet das: Die nachhaltige Finanzierung etablierter Open-Access-Infrastrukturen ist besonders anspruchsvoll – nicht, weil ihre Funktionalität infrage stünde, sondern weil ihre Stabilität gerade Ausdruck einer erfolgreichen, unsichtbaren Integration in den Forschungsalltag ist.

Im Anschluss an die Begrüßung folgten fünfminütige Statements aus der Praxis:

Kartierung von Open-Access-Diensten in Deutschland
Michael Geuenich (Deutsche Forschungsgemeinschaft - DFG) präsentierte die Ergebnisse einer umfassenden Kartierung von Open-Access-Diensten in Deutschland (Biela et al., 2023). Zentrale Erkenntnis: Nicht-kommerziell getragene Open-Access-Infrastrukturen sind ein dezentral entwickeltes Rückgrat der wissenschaftlichen Publikationskultur und sehen sich oftmals einer unsicheren langfristigen Finanzierung gegenüber. Während Innovation häufig durch Drittmittel gefördert wird, fehlt es an Mitteln für den Betrieb (Maintenance). Er hob hervor, dass Investitionen in diese Infrastrukturen strategische Bedeutung für die digitale Souveränität haben.

Global Sustainability Coalition for Open Science Services (SCOSS)
Olaf Siegert (ZBW) stellte die internationale Initiative SCOSS (Global Sustainability Coalition for Open Science Services)) vor. SCOSS vermittelt konsortiale Finanzierungsmodelle für Open-Science-Dienste auf Basis eines Auswahlverfahrens im Rahmen definierter Qualitätsverfahren. Seit 2018 werden ausgewählte und qualitätsgeprüfte internationale Open-Science-Infrastrukturen unterstützt (u.a. DOAJ, DOAB, arXiv). Insgesamt konnten auf diesem Wege für 19 Infrastrukturen rund 7,3 Millionen Euro eingeworben werden. SCOSS selbst agiert dabei v. a. als Qualitätsprüfungs-Entität und als Vermittler, nicht aber als Förderer. Zudem organisiert die Initiative einen aktiven Austausch unter den Infrastrukturen mit den Zielen, Good Governance und Best Practices zu fördern.

Open Access Monitor Deutschland
Bernhard Mittermaier (FZ Jülich) berichtete über den Open Access Monitor Deutschland, der zunächst projektfinanziert war und seit 2023 durch Eigenmittel der Bibliothek betrieben wird. Besonders hervorgehoben wurde das Zusammenspiel von institutioneller Unterstützung und pragmatischer Mittelverwendung.

DeepGreen
Beate Rusch (ZIB, KOBV-Verbundzentrale) gab Einblick in das Projekt DeepGreen, einen Lieferdienst für Open-Access-Artikel. Nach einer DFG-Förderung tragen derzeit die drei betreibenden Einrichtungen die Finanzierung. Ab 2026 ist eine zusätzliche Umlagefinanzierung geplant, gestaffelt nach Einrichtungstyp und -größe.

Elektronische Zeitschriftenbibliothek (EZB)
Silke Weisheit (UB Regensburg) stellte die Elektronische Zeitschriftenbibliothek (EZB) vor, die Informationen zu Open-Access-Zeitschriften sowie zum wissenschaftlichen Publizieren bereitstellt. Die Finanzierung erfolgt über ein gestaffeltes Umlagemodell sowie ergänzend über Drittmittelprojekte (z. B. OpenCost). Die organisatorische Ausgestaltung wird durch einen Beirat begleitet.

Anhand von drei Themenbereichen wurden anschließend drei zentrale Themen zur Sicherung der nachhaltigen Finanzierung mit den Teilnehmenden diskutiert.

Finanzierung

Im Themenbereich Finanzierung wurden unterschiedliche Modelle zur nachhaltigen Unterstützung von Open-Access-Infrastrukturen diskutiert. Zu den häufig genannten Ansätzen gehörten pauschale Finanzierungsmodelle (Flat-Rates), nutzungsbasierte Modelle sowie gestaffelte Beiträge, etwa in Abhängigkeit von der Größe der Einrichtung oder der Zahl ihrer wissenschaftlichen Mitarbeitenden (FTE). 

Dabei wurde deutlich, dass jede Variante spezifische Herausforderungen mit sich bringt: So bieten pauschale Modelle zwar eine administrative Vereinfachung, erfassen aber möglicherweise nicht die tatsächliche Nutzung oder die institutionelle Leistungsfähigkeit. Nutzungsbasierte Modelle hingegen setzen eine präzise Erhebung und Auswertung von Zugriffszahlen voraus, was zusätzlichen Aufwand bedeutet und zu komplexen Abrechnungen führen kann. Staffelungen nach Größe erscheinen fair, könnten aber kleinere Einrichtungen überproportional belasten.

Ein zentrales Diskussionsthema war der „Mehrwert“ für Einrichtungen, also die Frage, warum diese überhaupt bereit sein sollten, dauerhaft in eine Infrastruktur zu investieren. Neben klassischen Nutzenargumenten wie Stabilität, Qualität und Zugang wurde besonders der Aspekt der Mitgestaltungsmöglichkeit hervorgehoben: Einrichtungen, die sich finanziell beteiligen, sollten auch strukturell eingebunden sein – etwa über Gremien oder Abstimmungsprozesse. Deutlich wurde auch, dass die Sichtbarmachung des möglichen Verlusts einer Infrastruktur ein starkes Argument für die Zahlung sein kann: Der potenzielle Ausfall oder Abbau etablierter Dienste, die bislang selbstverständlich genutzt wurden, kann die Bereitschaft zur Finanzierung erhöhen.

Zur Vermeidung einer kleinteiligen, administrativ aufwändigen Finanzierung wurde mehrfach die Idee konsortialer Lösungen eingebracht. Durch den Zusammenschluss von Bibliotheken, Landesinitiativen oder Hochschulverbünden ließen sich Beiträge bündeln und administrative Lasten verteilen. Auch wurde diskutiert, ob Bibliotheksverbünde verstärkt als koordinierende oder abrechnende Instanzen eingebunden werden könnten.

Governance

Der Themenkomplex Governance drehte sich um die Frage, wie Organisations- und Entscheidungsstrukturen für Open-Access-Infrastrukturen gestaltet werden sollten, um legitim, transparent und gleichzeitig handhabbar zu sein. Diskutiert wurden verschiedene Mitgliedschaftsmodelle, etwa in Form von aktiver oder passiver Beteiligung mit unterschiedlichem Stimmrecht. Betont wurde, dass finanzierende Einrichtungen, unabhängig vom Beitrag, eingebunden werden müssen.

Empfohlen wurde der Aufbau klarer Entscheidungsstrukturen, beispielsweise über einen Vorstand als operatives Entscheidungsgremium sowie einen Beirat, der die Interessen der beteiligten Institutionen und der Community repräsentiert. Steuerungsgremien sollten in ihren Rollen transparent, regelmäßig gewählt und gegenüber der Nutzer*innenschaft rechenschaftspflichtig sein. Gleichzeitig wurde betont, dass Governance-Strukturen schlank und effizient bleiben sollten,  insbesondere um den Verwaltungsaufwand gering zu halten. Auch müsse Governance sichtbar nach außen wirken, um Vertrauen zu schaffen und Legitimität zu sichern.

Ein wiederkehrendes Thema war der rechtliche Rahmen: Gemeinnützigkeit wurde als zentral erachtet, auch um die Unabhängigkeit der Dienste zu sichern. Es bestand Einigkeit darüber, dass ein späterer Verkauf oder eine Kommerzialisierung ausgeschlossen sein sollte, auch vertraglich. Schließlich wurden zwei Spannungsfelder benannt, die Governance-Fragestellungen durchziehen: Zum einen der Gegensatz von Idealismus und Pragmatismus, etwa beim Abwägen zwischen partizipativer Breite und Entscheidungseffizienz bei der Zusammensetzung eingesetzten Gremien. Zum anderen der Zielkonflikt zwischen Innovation und Erhalt: Während viele Projektfinanzierungen auf Neues abzielen, fehlt es gleichzeitig häufig an Strukturen zur dauerhaften Sicherung bestehender Dienste. Daher erscheint ein Mitgliedschaftsmodell trotz der damit einhergehenden Frage der Einbindung von finanzierenden Einrichtungen als sinnvoll.

Kommunikation

Die Diskussion zum Thema Kommunikation zeigte, dass viele nachhaltige Finanzierungsstrategien an klarer und strategisch geplanter Kommunikation scheitern können. Besonders hervorgehoben wurde die Bedeutung einer zielgruppenspezifischen Ansprache: Je nach Typ der Einrichtung (z. B. Universitätsbibliothek, Fachhochschule, Forschungseinrichtung) müssen Argumente unterschiedlich gewichtet und formuliert werden. Das Beispiel DeepGreen zeigte, dass eine zweigleisige Kommunikation, also die parallele Ansprache von Repositorienbetreiber*innen und politischen Entscheider*innen, erfolgreich sein kann.

Auch der Zeitpunkt der Kommunikation wurde als entscheidend angesehen. Statt erst kurz vor Finanzierungsende um Unterstützung zu werben, sollten Infrastrukturen kontinuierlich über Nutzung, Wirkung und Bedarf berichten. Transparenz war ein zentrales Stichwort: Nicht nur Kosten, sondern auch Nutzungsdaten, Downloadzahlen und konkrete Anwendungsbeispiele sollten offen kommuniziert werden. Solche Indikatoren helfen dabei, die Relevanz von Diensten nachvollziehbar zu machen – besonders für Entscheider*innen, die den Dienst selbst nicht regelmäßig nutzen.

Einige Teilnehmende empfahlen, sich in der Außendarstellung an professionellem Wissenschaftsmarketing zu orientieren, etwa durch Testimonials zufriedener Nutzer*innen oder durch die namentliche Nennung prominenter Partnerinstitutionen. Auch eine visuell ansprechende Darstellung auf Webseiten und in Reports könne Vertrauen schaffen. Schließlich wurde angeregt, Kommunikationsstrategien regelmäßig zu evaluieren und gemeinsam mit Unterstützer*innen weiterzuentwickeln.

Fazit

Das Hands-on Lab zeigte eindrücklich, dass eine nachhaltige Finanzierung von Open-Access-Infrastrukturen sowohl institutionelle als auch kulturelle Herausforderungen umfasst. Unterschiedliche Finanzierungs-, Governance- und Kommunikationsmodelle sind erprobt und teils erfolgreich etabliert, stehen aber vor der Aufgabe, sich im verteilten System der Informationsversorgung dauerhaft zu behaupten.

Die Diskussionen bestätigten: Damit Infrastrukturen langfristig bestehen können, braucht es nicht nur tragfähige Finanzierungsmodelle, sondern auch eine Anerkennung ihres Werts. Nachhaltige Finanzierung ist mehr als eine administrative Frage, sie ist Ausdruck strategischer Entscheidungen für eine gemeinwohlorientierte digitale Wissenschaftslandschaft.


Literatur

  • Biela, J., Stalla, M., Hohmann, L., & Holzer, A. C. (2023). Kartierung und Beschreibung der Open-Access-Dienste in Deutschland: Studie der Technopolis Group im Auftrag der Deutschen Forschungsgemeinschaft für die Allianz der Wissenschaftsorganisationen. https://doi.org/10.5281/zenodo.11121906
  • Pampel, H., Siegert, O., Mittermaier, B., Geuenich, M., Rusch, B. & Weisheit, S.(2025, June 26). Open-Access-Infrastrukturen nachhaltig finanzieren. 113. BiblioCon in Bremen 2025; 9. Bibliothekskongress, Bremen. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0290-opus4-194917
  • Star, S. L. (1999). The Ethnography of Infrastructure. American Behavioral Scientist, 43(3), 377–391. doi.org/10.1177/00027649921955326

Weitere Informationen über die Forschungsgruppe Information Management an der Humboldt-Universität zu Berlin finden Sie auf unserer offiziellen Website).


Zitiervorschlag

Geuenich, M., Höfting, J., Mittermaier, B., Pampel, H., Rusch, B., Siegert, O., & Weisheit, S. (2025). Open-Access-Infrastrukturen nachhaltig finanzieren. Bericht über ein Hands-on Lab auf der 113. BiblioCon. open-access.network. doi.org/10.64395/wz87n-ga210.


Dieser Beitrag ist lizenziert unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz (CC BY 4.0).


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