Medienwissenschaft und Open Access – eine Beziehung mit Hindernissen

Medienwissenschaft und Open Access – eine Beziehung mit Hindernissen

Die Open-Access-Bewegung entstand Anfang der 2000er-Jahre als Reaktion auf die Zeitschriftenkrise der 1990er-Jahre, sodass es wenig verwunderlich ist, dass viele Maßnahmen im Kontext von Open-Access-Strategien bis heute einen Fokus auf wissenschaftliche Zeitschriften legen. Dies ist jedoch nicht unproblematisch für eine Geisteswissenschaft wie die Medienwissenschaft, die im Kontext ihrer eigenen Publikationskultur immer noch sehr am (gedruckten) Buch hängt. Diesen Umstand und damit zusammenhängende Hindernisse für eine umfassendere Open-Access-Transformation der Medienwissenschaft reflektierend, möchte sich der vorliegende Beitrag dem Themenkomplex Open Access und Medienwissenschaft in zwei Schritten zuwenden: Zuerst möchte er den status quo der medienwissenschaftlichen Publikationskultur darlegen, bevor anschließend einige ausgewählte Hindernisse für die Open-Access-Transformation des Faches benannt werden sollen. Diese ergeben sich aus dem Handeln von Forschungsförderung und Wissenschaftspolitik, welches die Besonderheit der medienwissenschaftlichen Publikationskultur nicht ausreichend berücksichtigt. Mit der Benennung der Hindernisse wird ein Ausblick auf mögliche Lösungsansätze verbunden.

Die medienwissenschaftliche Publikationskultur in der Mitte der 2020er-Jahre

Über 20 Jahre nach den Erklärungen von Budapest, Berlin und Bethesda ist Open Access in der Medienwissenschaft noch nicht dort angelangt, wo man es eigentlich in Anbetracht der verstrichenen Zeit wie des wissenschaftspolitischen Willens und damit verbundener Anstrengungen erwarten könnte. Viele Publikationen sind weiterhin nicht frei und kostenlos zugänglich und die Großverlage, die eigentlich geschwächt werden sollten, erscheinen stärker als je zuvor. Sie weiten ihre Produktportfolios bedenklich aus (vgl. zum Datentracking in der Wissenschaft auf diesen Beitrag von Gerhard Lauer), drohen dergestalt die ursprüngliche Idee von Open Science und Open Access zu pervertieren, indem die öffentliche Hand privatwirtschaftliche Gewinne mit öffentlichem Gut finanziert und hierdurch zudem einem diversen Verlagsökosystem schadet, das in Deutschland auch viele mittlere und kleine Verlage umfasst. Solche Entwicklungen tangieren die Medienwissenschaft bisher eher weniger, spielt das gedruckte Buch in deren publikationskulturellen Reputationsmechanismen doch weiterhin eine zentrale Rolle (wie auch in den übrigen Geisteswissenschaften) und fällt als analoges Trägermedium durch das Raster von Geschäftspraktiken, die vornehmlich an der digitalen Transformation der Wissenschaft verdienen. Damit korrespondierend sind viele Open-Science-Praktiken noch nicht allzu tief in die medienwissenschaftlichen Arbeitspraktiken eingesickert, sodass es für Unternehmen wie die RELX Group bisher nicht lohnend erscheint, den gesamten Forschungsprozess der Medienwissenschaft in kommerzielle Tools zu verlagern. Die Betrachtung der Publikationskultur der Medienwissenschaft deshalb aber als eine ‚analoge‘, hermetisch abgeschlossene Insel der Seligen zu betrachten, setzt nicht nur falsche wissenschaftskulturelle Ideale, sondern verkennt auch wichtige Entwicklungen im Fach.

So nimmt die Zahl an im Open Access publizierten Büchern in der Medienwissenschaft stetig zu, existieren erste konsortiale Finanzierungsmodelle für diese wie die Open Library Medienwissenschaft oder KOALA. Daneben ist das zentrale Publikationsorgan der deutschsprachigen Fachgesellschaft mit der Zeitschrift für Medienwissenschaft mittlerweile eine Open-Access-Zeitschrift und die Zeitschrift der europäischen Fachgesellschaft, NECSUS, ist gar ein scholar-led Journal ohne Verlagsbeteiligung. Zudem existieren in beiden Fachgesellschaften mit der AG Open Media Studies und dem NECS Open Scholarship Committee Arbeitsgruppen, die sich mit Open Science und Open Access im Fach befassen. Dem fachlichen Austausch zum Themenfeld widmet sich ferner schwerpunktmäßig der Open-Media-Studies-Blog als Diskursplattform. Aber auch auf der Ebene der Forschungsinfrastrukturen sind Fortschritte zu verzeichnen mit dem Rechercheportal adlr.link, dem Fachrepositorium media/rep/ oder dem digitalen Archiv MediArXiv. Darüber hinaus beteiligen sich Fachvertreter*innen an Initiativen wie ENABLE! oder sind in den digitalen Fokusgruppen von open-access.network aktiv, um die Open-Access-Transformation aktiv mitzugestalten. Eine buchorientierte, eher ‚traditionelle‘ Publikationskultur wird in der Medienwissenschaft von einer Open-Access-Community begleitet, wobei sich beide nicht gegenüberstehen, sondern vielmehr ineinander übergehen, da Forscher*innen oftmals beide Publikationsstrategien bedienen (wenn auch in der Regel mit unterschiedlichem Fokus).

Somit spielen in der medienwissenschaftlichen Publikationskultur einerseits gedruckte Monographien (vor allem als Dissertationen) und Sammelbände weiterhin eine große Rolle als Publikationssorten von hohem Renommee, zugleich finden aber Zeitschriften eine immer größere Verbreitung und sind hierbei im zunehmenden Maße nicht nur Open Access, sondern auch scholar-led. Insofern ist die medienwissenschaftliche Publikationskultur in Bezug auf Open Access von einer Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen geprägt, wobei die Open-Access-Transformation des Faches stetig voranschreitet.

Hindernisse für mehr Open Access in der Medienwissenschaft

Das Benennen von Hindernissen sollte keinesfalls als Kritik an der Open-Access-Transformation an sich, sondern lediglich an deren Umsetzung verstanden werden, die die publikationskulturellen Spezifika der Medienwissenschaft weitestgehend ignoriert und hierdurch letztlich dazu führt, dass die medienwissenschaftliche Forschung ihre Potenziale nicht vollends entfalten kann. Dabei sind insbesondere vier Aspekte relevant:

  1. In der Medienwissenschaft werden (bis auf wenige Ausnahmen) keine Article Processing Charges (APCs) erhoben, sodass eine primäre Fokussierung der Publikationsförderung auf diese am Fach und seinen publikatorischen Bedarfen vorbeigeht.
  2. Diese Fokussierung auf APCs führt zugleich dazu, dass Book Processing Charges (BPCs) nicht ausreichend gefördert werden, was zulasten der medienwissenschaftlichen Publikationskultur geht (vgl. zu beiden Punkten die Antragsrunde der „Open-Access-Publikationskosten“ von 2021).
  3. Die DEAL-Verträge adressieren für die Medienwissenschaft größtenteils irrelevante Verlage (mit Ausnahme der Buchsparte von Springer) und binden hierdurch Mittel, die durch Budgetumschichtungen an den Hochschulbibliotheken wiederum zu Nachteilen für die medienwissenschaftliche Publikationskultur führen.
  4. Die drei zuvor genannten Punkte werden durch den Umstand begleitet, dass keine bis kaum fachspezifisch adäquate Fördermöglichkeiten für Open Access in der Medienwissenschaft existieren. Deshalb ist zu konstatieren, dass die vorhandenen Förderinstrumente der Open-Access-Transformation die Besonderheiten der medienwissenschaftlichen Publikationskultur verfehlen, da sich diese primär an den SMT-Disziplinen ausrichten (wie Open Science im Allgemeinen auch). Dies ist besonders bedauerlich, da sich teilweise mit vergleichsweise geringen Summen große Effekte für die Open-Access-Transformation der Medienwissenschaft erzielen lassen (wie unten angedeutet wird).

Aus diesen Gründen ist eine Neujustierung gegenwärtiger Open-Access-Förderstrategien dringend notwendig. Hierbei gilt es nicht nur, das Verhältnis zwischen APCs und BPCs ausgeglichener zu gestalten und Sinn und Zweck der DEAL-Verträge, die letztlich Verlagsoligopole privilegieren, zu hinterfragen, sondern auch Förderinstrumente neu zu schaffen. In der Medienwissenschaft existiert mittlerweile eine aktive und durchaus nicht kleine scholar-led-Community, die primär Diamond Open Access betreibt. Nach Policies entspricht dies den Idealvorstellungen der Forschungsförderung und Wissenschaftspolitik, jedoch existieren keine Förderinstrumente, die diese Forscher:innen in geeigneter Weise unterstützen. Bei der redaktionellen Betreuung dieser Zeitschriften, um ein Beispiel zu wählen, spielen oftmals studentische Mitarbeiter*innen eine große Rolle, es gibt aber keine nachhaltige und verlässliche Fördermöglichkeit, die einen langfristigen Betrieb einer solchen Zeitschrift ermöglicht. Drei-Jahres-Förderungen sind nicht langfristig und verlässlich und Periodika, die aufgrund fehlender dauerhafter Finanzierung wieder verschwinden, sind nicht nachhaltig. Dies ist umso verwunderlicher, wenn man die Summen, die solche Projekte zur Finanzierung benötigen, mit den Ausgaben für APCs vergleicht. Dennoch ist es aber immer noch einfacher, tausende Euro APC für einen einzigen Artikel zu bekommen, anstatt die gleiche Summe für eine*n studentische*n Mitarbeiter*in, die den redaktionellen Betrieb einer Diamond-Open-Access-Zeitschrift maßgeblich mitträgt.

Dies ist nur ein Beispiel, das illustrieren soll, wie neue Förderinstrumente nicht nur fachlich passgenauer, sondern auch effizienter (und in der Regel auch kostengünstiger) sein können. Neujustierungen könnten zudem eine Evaluation bestehender neuerer Ansätze umfassen. So können konsortiale Finanzierungsmöglichkeiten vielversprechend sein, um dergestalt scholar-led Diamond-Open-Access-Publikationsprojekte zu unterstützen oder es können Initiativen mit Modellcharakter wie COPIM in den Fokus gerückt werden, die versuchen, wissenschaftsgetriebenes Publizieren neu zu denken. In jedem Fall ist ein diverses, faires, nachhaltiges und bedarfsgerechtes wissenschaftsgetriebenes Publikationssystem aber in unser aller Sinne und somit ein Ziel, für das wir (über-)fachlich alle zusammenarbeiten sollten.


Dieser Beitrag ist lizenziert unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz (CC BY 4.0).

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