
Diamond Open Access: Perspektiven aus verschiedenen Forschungsbereichen
Diamond Open Access (DOA) verspricht echte Zugänglichkeit, wo Gold Open Access oft neue Hürden schafft. In diesem Beitrag teilen Forschende aus verschiedenen Disziplinen ihre Perspektiven auf Open Access mit den Schwerpunkten Kommerzialisierung, Wissenschaftsbewertung und Publikationsdiversität.
In der Biologie und Neurowissenschaft sehen wir die Idee von DOA durchaus positiv, wenn es in unseren Wissenschaften auch selten als Publikationsmodell begriffen oder noch seltener “diamond” genannt wird. Der Grundgedanke vieler Forschender aber deckt sich mit DOA: Wir brauchen freien Zugang zu Forschungsergebnissen und Daten, um Forschung schneller voranzutreiben und, was wichtig ist, transparente Wissenschaft in die Diskussionen und Maßnahmen einzubringen, um globale Herausforderungen rechtzeitig zu bewältigen. Besonders Open Data und Open Methods auf der Basis von Open Source Software sind essentiell, um Ergebnisse reproduzierbar zu machen, um zum Handeln beizutragen und drängende Herausforderungen, wie den globalen Wandel anzugehen. Reproduzierbarkeit ist eine der Hauptherausforderungen in unseren Wissenschaften, wie die sogenannte “Reproducibility Crisis” (Baker, 20161) deutlich gemacht hat. Dafür brauchen wir offene Plattformen, auf denen Daten, Materialien und zunehmend auch Methoden, Software und Code frei und offen geteilt werden können. Allerdings bestehen Bedenken hinsichtlich der langfristigen Finanzierung: Viele dieser Plattformen sind auf Drittmittel angewiesen. Was passiert, wenn diese auslaufen? Außerdem entwickeln sich die ohnehin oft bereits komplexen Methoden schnell weiter, sodass das Capacity Building unter den Forschenden eine Herausforderung ist. Um die Komplexität adäquat zu adressieren, müssen wir zunehmend interdisziplinär kooperieren (z.B. in Core Units), auch und insbesondere mit Kolleg*innen aus der Infrastruktur und in Brückenbereichen (z.B. Data Stewards, Embedded Librarians, Research Software Engineers), um unsere Forschung nachhaltig und zukunftsfähig entwickeln zu können. An diesen Schnittstellen mangelt es aktuell jedoch (an den meisten Einrichtungen in Deutschland und in ganzen Regionen in Entwicklungsländern).
In den Geisteswissenschaften, insbesondere in kleinen Fächern wie der Medienwissenschaft oder Deutsch als Fremd- und Zweitsprache (DaFZ) ist die Lage komplexer. Während DOA teilweise essentiell ist, um durch erweiterte Partizipationsmöglichkeiten insbesondere kleinere Fächer weiterzuentwickeln, gibt es gleichzeitig Sorgen, dass die naturgemäß kleineren Fachjournals finanziell nicht überleben können. Ohne institutionelle Unterstützung ist DOA schwer tragfähig. Neben der Finanzierung gibt es weitere Herausforderungen, gerade für kleinere Journals: Wer übernimmt das Lektorat, die redaktionelle Betreuung und die Textherstellung, wenn keine (großen) Verlage mehr dahinterstehen? Diese Herausforderung betrifft insbesondere Journals, die scholar-led betrieben werden und für die es oftmals noch keine verlässlichen und nachhaltigen Finanzierungs- bzw. Fördermöglichkeiten gibt. Dies gilt auch für geisteswissenschaftliche Fächer, in denen DOA schon aktiv praktiziert wird, wie der Medienwissenschaft. Darüber hinaus sind digitale Publikationsformen, die über den klassischen Artikel hinausgehen, aber in den Geisteswissenschaften eine große Bedeutung haben (sowohl Monografie, aber auch Video-, Audioformate oder Bilder), in DOA-Modellen oft noch nicht ausreichend etabliert. Wir brauchen daher mehr Flexibilität für digitale Editionen und multimodale Forschungsoutputs.
In den Medizinwissenschaften und der Psychologie sind Ansätze wie DOA-Publikationsmodelle und Transparenz durch offene Daten und Methoden unverzichtbar. So fordert die Declaration of Helsinki beispielsweise bei der Durchführung klinischer Studien eine Präregistrierung, also eine Offenlegung der geplanten Projektdurchführung und Datenanalyse. Dies trägt auch dazu bei, eine insbesondere in klinischen Studien ethisch unverzichtbare Reproduzierbarkeit zu ermöglichen. In den Medizinwissenschaften und der Psychologie sind die Möglichkeiten von DOA von besonderer gesellschaftlicher Relevanz - da diese Forschung alle Mitglieder der Gesellschaft betrifft, sollten auch alle unabhängig von finanziellen Möglichkeiten an dieser Forschung partizipieren können. Doch aktuell ist auch DOA teilweise exklusiv angelegt: Wenn die Nutzung von DOA-Plattformen beispielsweise an eine bestimmte institutionelle Zugehörigkeit geknüpft ist, stehen institutionsübergreifende Teams oder Forschende ohne die „richtige“ Affiliation vor neuen Hürden.
In der Ökologie erschweren die zunehmende Komplexität und das Volumen der vielfältigen Daten, die diese Wissenschaft integrieren will, den Übergang zu Open Science. Rohdaten bilden die Grundlage der Naturwissenschaften, jedoch sind die meisten Forschenden nicht besonders daran interessiert, Anträge oder Daten offenzulegen. Obwohl der Widerstand gegen Vorabdrucke geringer wird, besteht das letztendliche Ziel darin, Arbeiten in ihrer traditionellen Form zu veröffentlichen. Diese Tatsachen verzögern einen umfassenden Übergang zu Open-Science-Praktiken zusätzlich. Da DOA weder bei Nutzenden noch bei Herausgebenden gut etabliert ist, werden viele DOA-Publikationen selbst von jungen Forschenden noch immer übersehen.
Eine zentrale Herausforderung in allen unseren Fächern bleibt die Anerkennung von DOA-Publikationen. Noch immer dominiert die bibliometrische Messung wissenschaftlicher Leistung anhand von Impact Factors und Zitationsraten. Im Zusammenwirken mit dem Zwang zu “publish or perish” stellen traditionelle Textpublikationen (über meist kommerzielle, finanzstarke Verlagshäuser) immer noch die “Währung” in der Wissenschaft dar. DOA könnte dazu beitragen, alternative (qualitative) Bewertungsmaßstäbe zu etablieren, die wir -auch vor dem Hintergrund von Textproduktion durch generative KI- dringend benötigen: Wir sollten Forschungsleistung nicht nur an Publikationszahlen messen, sondern auch an der Qualität und Nachnutzbarkeit der Daten und Methoden, wie es CoARA fordert. Wir brauchen neue Metriken, die digitale Editionen und Forschungssoftware berücksichtigen und Incentives für die wissenschaftliche Karriere, die die Qualität des gesamten Forschungskreislaufs berücksichtigen anstatt einseitig die Quantität und (Pseudo-)Qualität der reinen Ergebnisdarstellungen zu bevorzugen.
Call to Action
Eine gelebte Openness muss unserer Überzeugung nach beim Publizieren ansetzen und gleichzeitig dessen Situiertheit im Gesamtsystem Open Science anerkennen.
DOA ist ein zentraler Baustein im größeren Prozess der Transformation hin zu Open Science. Wir regen an, DOA als einen neuen Maßstab in der Wissenschaft zu etablieren. Dazu brauchen wir:
- die flächendeckende Einführung von Schnittstellen zwischen Forschung und Infrastruktur (wie bspw. Core Units) sowie die Einbeziehung neuer Expert*innen (bspw. Data Stewards, Embedded Librarians, Research Software Engineers) in die Forschungsprojekte
- eine Verstetigung und Öffnung der vorhandenen Infrastrukturen (ein wissenschaftliches „think global, act local“)
- ein konsequentes Umsetzen nachhaltiger Incentives in Rekrutierungs- und Vergabeverfahren von Fördermitteln, die die Qualität des gesamten Forschungszyklus anerkennen
- aktive Budgetierung von Ressourcen (Zeit, Personal, Infrastruktur), um den Übergang zu Open Science als fester Bestandteil der Wissenschaft zu erreichen - dabei kommt den Förderinstitutionen eine entscheidende Rolle zu
- eine fachspezifisch ausgerichtete und nachhaltige Förderung von Periodika, die Faktoren wie scholar-led Publishing verstärkt berücksichtigt
DOA kann seine Rolle als gerechte Alternative im wissenschaftlichen Publikationswesen nur dann voll entfalten, wenn diese Veränderungen konsequent vorangetrieben werden. Zahlreiche Forschende wie wir engagieren sich bereits aktiv in diesem Transformationsprozess: Sowohl in institutionellen Strukturen, die beispielsweise an der Philipps-Universität Marburg durch neue Schnittstellen zwischen dem Team „Forschungsnahe E-Dienstleistungen“ und dem neurowissenschaftlichen Forschungscluster TAM2 DataHub, verschiedenen NFDI-Konsortien oder dem FID Media3 weiterentwickelt werden, als auch in freiwilligen Initiativen wie FORRT, GRN, deRSE oder lokalen Grassroots-Bewegungen. Wir sind bereit, gemeinsam eine offene und nachhaltige Wissenschaftskultur zu gestalten, deren Basis nach wie vor das Publizieren ist.
1 Baker, M. (2016). 1,500 scientists lift the lid on reproducibility. Nature, 533(7604), 452–454. https://doi.org/10.1038/533452a
2 TAM = “The Adaptive Mind”: neurowissenschaftliches Forschungscluster.
3 FID Media = “Fachinformationsdienst Kommunikations- und Medienwissenschaften”.
Zitiervorschlag
Berdugo, M. B., Endres, D., Hierasimowicz, K., Jansen, A., Matuszkiewicz, K., Riedl, L., & Siebold, K. (2025). Diamond Open Access: Perspektiven aus verschiedenen Forschungsbereichen. open-access.network. doi.org/10.64395/7h7rw-00350.
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