Open-Access-Transformation

Bedeutung des DEAL-Wiley-Vertrags für Open Access

Das erfahren Sie in diesem Artikel

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Open-Access-Transformation meint die möglichst komplette Umstellung des akademischen Publikationswesens auf Open Access.

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Eine Vielzahl von Maßnahmen und Akteuren tragen zur Transformation bei.

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Transformation lebt von der Implementierung in der Praxis mit klaren Zielen.

Unter Open-Access-Transformation wird die möglichst komplette Umstellung des akademischen Publikationswesens auf Open Access verstanden. Dies impliziert eine Abkehr vom traditionellen Subskriptions- und Erwerbsmodell, bei dem Bibliotheken für den Zugang zu wissenschaftlichen Werken bezahlen. Wenngleich aktuelle Bemühungen sich auf den Bereich wissenschaftlicher Zeitschriften konzentrieren, sind für eine komplette Transformation alle Publikationstypen miteinzubeziehen. Ebenso sind alle Regionen der Erde einzuschließen.

In Deutschland und Europa ist die Open-Access-Transformation als politisches Ziel seit einiger Zeit durch EU und Bundesregierung, aber auch durch Landesregierungen (vgl. Text Positionen der Politik), Wissenschaftsorganisationen und Förderorganisationen (vgl. Text Forschungsförderer und Open Access) gesetzt.

Die Entwicklung ist dynamisch und von einer Vielzahl verschiedener Ansätze und Akteure geprägt. Kritik wird aus unterschiedlichen Perspektiven geäußert: Während beispielsweise von einzelnen Verlagen oder Fachgesellschaften auf eine Verlangsamung oder auf Ausnahmen gedrängt wird, wird von anderer Seite auf womöglich nicht-intendierte Folgen der Transformationsansätze verwiesen. Hierzu gehören eine weitere Stärkung der Position großer Verlage, mögliche Lock-in-Effekte oder eine weitere Steigerung ohnehin schon zu hoher Publikationsgebühren.

Video: “Stell Dir vor, es ist 2020 und Open Access läuft immer noch nicht.“. (CC BY 3.0 DE)
Quelle: Hacker, A. & Tullney, M. (2020). “Stell Dir vor, es ist 2020 und Open Access läuft immer noch nicht.“ https://doi.org/10.5446/49691

Instrumente der Open-Access-Transformation

Eine Grundlage vieler Transformationsansätze ist die Umwidmung von Erwerbungsmitteln. Die Idee ist, dass keine zusätzlichen Mittel benötigt werden, sondern die bisherigen (globalen) Mittel für Open Access-Publikationen verwendet werden. Um dies umsetzen zu können, müssen Verlage angehalten werden, ihre Publikationen auf Open-Access-Modelle umzustellen. Die Umstellung existierender Publikationen eröffnet die Möglichkeit, erworbene Reputation und Erfahrungen mitzunehmen.

Das Instrument mit der größten Aufmerksamkeit und den größten Open-Access-Effekten sind momentan Transformationsverträge, bei denen ein Teil der Inhalte von Subskriptionszeitschriften auf Open Access umgestellt wird und die Erwartung besteht, dass die Quote schrittweise auf 100% steigt. Allerdings ist nicht immer klar, ob eine solche Umstellung verbindlich erreicht wird. Ins Feld der Transformationsverträge gehört auch das deutsche Projekt DEAL (s.u.). Die Konzentration auf den Publikationsoutput aus einzelnen Institutionen oder Ländern erfordert zwingend ähnliche und komplementäre Aktivitäten in anderen Ländern. Die Hoffnung ist, dass damit eine kritische Schwelle überschritten wird, oberhalb derer Verlage ihre Portfolios komplett auf Open Access umstellen.

Ergänzend können einzelne Zeitschriften als “Transformative Journals” aufgestellt werden mit einem klaren Ziel eines stetig wachsenden Open-Access-Anteils (vgl. Plan S).

Für einzelne Zeitschriften stellt die sofortige Umstellung auf Open Access, das so genannte Journal Flipping, die schnellste Möglichkeit der Transformation dar. Abhängig davon, wie sich der Verlag positioniert und wer die Titelrechte besitzt, kann eine solche Umstellung unter Fortführung des Namens oder durch einen Abzug der Redaktion und einen Neustart an anderem Ort erfolgen.

Neugründung von Publikationen: Neue Zeitschriften, Buchreihen oder Konferenzveröffentlichungen werden von Anfang an als Open-Access-Produkte geplant.

Diese Instrumente werden durch verschiedene Akteure angetrieben und über das Bereitstellen der umfangreichen Publikationsmittel hinaus unterstützt:

Wissenschaftliche Einrichtungen unterstützen diesen Prozess durch den Betrieb von Publikationsangeboten, Universitätsverlagen, Zeitschriftenplattformen etc. Diese Angebote sind unkommerziell und werden ggf. sogar durch die Übernahme der Betriebskosten bezuschusst, sodass der Kostendruck sinkt und die wissenschaftliche Kontrolle steigt.

Förderer beschränken ihre Publikationsförderung auf Open-Access-Periodika und -Bücher. Durch Open-Access-Auflagen (oder schwächer: -Erwartungen) unterstützen sie Open-Access-Entscheidungen von Autor*innen.

Bibliotheken verhandeln Open-Access-Verträge aller Art, betreiben das Publikations- und Kostenmonitoring und entwickeln neue Open-Access-Modelle. Sie setzen Erwerbungsmittel zunehmend für Open Access ein (vgl. Bibliotheksstatistik 2018-2020). Monitoring-Verfahren kontrollieren die Open-Access-Umstellung gemäß institutioneller und gesetzlicher Vorgaben und die Einhaltung von Open Access Policies.

Bibliotheken und kommerzielle Akteure betreiben Konsortien bzw. wickeln eine gemeinschaftliche Finanzierung von Open-Access-Publikationen ab.

Open-Access-Repositorien dienen weiterhin der parallelen Bereitstellung im Open Access (vgl. “grüner Weg”) und decken damit Open-Access-Erwartungen von Förderern ab (siehe auch Plan S und die Rights Retention Strategy).


Wie in nahezu allen anderen Aspekten der Open-Access-Diskussion dominieren im Transformationskontext wissenschaftliche Zeitschriften. Grundsätzlich sind alle Instrumente auch auf Bücher und Buchreihen sowie weitere Publikationsarten wie Konferenzveröffentlichungen anwendbar. Im Einzelfall ergeben sich jedoch neue Komplexitäten. Hier sind sämtliche Akteure weiter gefordert, alle Publikationen in ihre Maßnahmen zur Open-Access-Transformation einzubeziehen.

Verschiedene Ansätze der Transformation können parallel erfolgen, jedoch kollidieren sie auch gelegentlich. Dies geschieht insbesondere dann, wenn es um knappe Ressourcen oder um strategische Ausrichtungen geht. Während Transformationsverträge stärker auf große Konvolute setzen (große Zeitschriftenpakete, große Verlage), betonen Ansätze wie das Journal Flipping eher Aspekte wie Kontrolle durch die Wissenschaft oder eine komplette und sofortige Open-Access-Umstellung. Eine Herausforderung für alle Ansätze ist die andauernde Suche nach nachhaltigen Finanzierungsmöglichkeiten in Anknüpfung an bisherige Erwerbungsstrukturen und unter deren Weiterentwicklung.

Folgen der Open-Access-Transformation

Wesentliche Folge der Open-Access-Transformation ist ein wachsender Anteil frei verfügbarer und ggf. nachnutzbarer wissenschaftlicher Literatur (vgl. Gründe und Vorbehalte).

Innerhalb wissenschaftlicher Einrichtungen verändert die Open-Access-Transformation unter Umständen Arbeitsschritte und Zuständigkeiten. Einrichtungsübergreifend ergeben sich ggf. Bedarfe nach einer Neuverteilung finanzieller Mittel. Hintergrund ist jeweils, dass Kosten des wissenschaftlichen Publizierens zunehmend in Anlehnung an das Publikationsaufkommen verteilt werden, nicht mehr in Anlehnung an die reine Größe wissenschaftlicher Einrichtungen.

Neue Aufgaben entstehen vor allem für wissenschaftliche Bibliotheken. Hier müssen Erwerbungsmittel neu eingesetzt und die Entwicklung der Publikationszahlen untersucht werden. Transformationsverträge müssen betreut werden, Aufgaben zwischen Verlagen, Bibliotheken und Autor*innen teilweise neu verteilt werden. Open Access wird von einem Sonderthema zu einem Kernthema der Bibliotheken.

Wesentliche Akteure der Open-Access-Transformation

OA2020 ist eine 2015 gestartete weltweite Initiative, die sich dem Ziel eines Umstiegs auf Open Access verschrieben hat. Ein empfohlenes Mittel sind Transformationsverträge, wichtigstes Element ist die Betonung der Umwidmung von bisherigen Subskriptionskosten. Die Erklärung wird von zahlreichen Organisationen unterstützt, in Deutschland u.a. von DFG, Hochschulrektorenkonferenz, Fraunhofer Gesellschaft, Helmholtz-Gemeinschaft, Leibniz-Gemeinschaft, Max-Planck-Gesellschaft, dem Wissenschaftsrat und einigen Hochschulen und Bibliotheken. Wesentlicher Bezugspunkt ist ein Whitepaper aus der MPDL von 2015 (Schimmer et al., 2015).

Das Projekt DEAL ist ein durch die Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen beauftragtes Vorhaben unter Federführung der Hochschulrektorenkonferenz. Ziel ist es, einheitliche nationale Lizenzverträge für alle (digitalen) Zeitschriften großer kommerzieller Wissenschaftsverlage abzuschließen. Die Verträge, die das Projekt stellvertretend für mehr als 700 teilnahmeberechtigte Organisationen abschließt, enthalten eine Open-Access-Komponente: Mitglieder der teilnehmenden Institutionen können ohne weitere Kosten Open Access in Subskriptionszeitschriften (so genannte “hybride Zeitschriften”) der Verlage publizieren (was zu einem hohen Open-Access-Anteil der Publikationen aus deutschen Institutionen führt). Zudem erhalten sie Zugriff auf das gesamte Zeitschriftenportfolio. Bisher wurden zwei DEAL-Verträge geschlossen: mit Wiley und mit Springer Nature.

Plan S ist eine Initiative einer internationalen Gruppe von Forschungs- und Forschungsförderorganisationen (cOAlition S) mit dem Ziel, sofortigen Open Access zu allen Publikationen aus geförderter Forschung ab 2021, spätestens 2022 zu erreichen. Gemeinsame Implementierungsrichtlinien werden in den jeweiligen Förderrichtlinien der teilnehmenden Forschungsförderer umgesetzt. Kernelement ist eine grundsätzliche Abkehr von hybridem Open Access (Ausnahmen nur bei erkennbarer Transformation). Drei grundsätzliche Wege stehen geförderten Autor*innen offen:

  • Veröffentlichung an reinen Open-Access-Publikationsorten (Übernahme der Publikationskosten durch die Förderer oder die Forschungseinrichtungen)
  • parallele Veröffentlichung in einem Open-Access-Repositorium (keine Kostenübernahme) und
  • die Veröffentlichung in einer Zeitschrift unter einem Transformationsvertrag (ggf. Kostenübernahme).

Großer Wert wird auf eine Kostentransparenz der Verlage gelegt. Damit steht Plan S auch für den allgemeinen Trend, dass Förderorganisationen die momentan schärfsten und einfachsten Instrumente in der Hand haben – durch das Verknüpfen von Drittmittelzusagen mit Open-Access-Pflichten können sie entscheidend eingreifen. Deutsche Förderer sind allerdings nicht offiziell Teil der cOAlition S.

Unter dem Namen SCOAP³ – Sponsoring Consortium for Open Access Publishing in Particle Physics hat sich ein internationales Konsortium unter Führung des CERN zur Förderung von Open Access im Bereich der Hochenergiephysik gebildet. Es handelt sich um eine weltweit einmalige Initiative, in der mehrere wesentliche Verlagszeitschriften des Felds komplett auf Open Access umgestellt worden sind, ohne dass Autor*innen APCs bezahlen müssen. Bibliotheken und Organisationen aus der gesamten Welt zahlen in das Projekt ein. Berechnungsgrundlage ist der jeweilige Publikationsoutput der wissenschaftlichen Einrichtungen.

Die Allianz-Initiative (“Schwerpunktinitiative "Digitale Information" der Allianz der Wissenschaftsorganisationen) hat in den letzten Jahren mehrfach Positionspapiere zur Open-Access-Transformation veröffentlicht (insbesondere Bruch et al., 2016). Kernforderungen waren: die Verankerung von Open Access in den Bibliotheken, in der Lizenzierungspraxis und in den Erwerbungsetats, die sukzessive Umschichtung der Erwerbungsmittel sowie die Offenlegung der Subskriptionskosten bzw. der Open-Access-Publikationskosten und -zahlen und der Aufbau skalierbarer Prozesse in den Bibliotheken.

Open-Access-Transformation in der Praxis

Die vielen verschiedenen Ansätze zur Open-Access-Transformation eint, dass zukünftig ein möglichst großer Anteil wissenschaftlicher Publikationen frei verfügbar sein soll. Um die Maßnahmen beurteilen und weiterentwickeln zu können, sollten sie so transparent wie möglich ausgestaltet sein. Dazu gehört die Angabe etwaiger Zwischenschritte auf dem Weg zur kompletten Open-Access-Umstellung (insbesondere bei Transformationsverträgen), die Verankerung unumkehrbarer Schritte zur Erhöhung des Open-Access-Anteils und eine Transparenz über zugrundeliegende Publikationszahlen. Kostendämpfende Mechanismen sollten eingebaut werden, um einen weiteren Anstieg der Publikationsgebühren zu verhindern.

Eine Vernetzung der Akteure ist anzustreben, ohne die Vielfalt der Optionen grundsätzlich einzuschränken. Für neue Initiativen ist es jedoch anzuraten, sich Rat und Unterstützung zu holen. Das Projekt open-access.network bietet Vernetzungs- und individuelle Beratungsmöglichkeiten über das Forum und den Helpdesk. Außerdem unterstützen die in der Fair Open Access Alliance (FOAA) zusammengeschlossenen Wissenschaftler*innen und Bibliothekar*innen u. a. Herausgeber*innen, die an einer Transformation zu Open Access interessiert sind. Hier kann Kontakt zur FOAA aufgenommen werden.

Da die Open-Access-Transformation als politisches Ziel und als Absicht der Wissenschafts- und Wissenschaftsförderorganisationen klar verankert ist, sind alle Akteure der Wissenschaftslandschaft aufgefordert, in ihren jeweiligen Handlungsfeldern entsprechend zu wirken. Die Umstellung auf Open Access hat viele zu berücksichtigende Aspekte - von Wissenschaftsfreiheit über wissenschaftliche Kontrolle, nachhaltige und faire Finanzierung, zusätzliche Arbeiten in Einrichtungen bis hin zu Rufen nach Mittelverschiebungen zwischen Einrichtungen. Aber das ganz unmittelbare Kriterium bleibt: Gelingt ein möglichst kompletter Umstieg auf Open Access?

Literatur

  • Bruch, C., Geschuhn, K., Hanig, K., Hillenkötter, K., Pampel, H., Schäffler, H., Scheiner, A., Scholze, F., Stanek, U., Timm, A., & Tullney, M. (2016). Empfehlungen zur Open-Access- Transformation. Strategische und praktische Verankerung von Open Access in der Informationsversorgung wissenschaftlicher Einrichtungen. Empfehlungen der Ad-hoc-AG Open-Access-Gold im Rahmen der Schwerpunktinitiative „Digitale Information“ der Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen. https://doi.org/10.3249/allianzoa.011
  • Schimmer, R., Geschuhn, K. K., & Vogler, A. (2015). Disrupting the subscription journals’ business model for the necessary large-scale transformation to open access. A Max Planck Digital Library  Open Access Policy White Paper. http://dx.doi.org/10.17617/1.3

Weiterführende Literatur

  • Hacker, A., & Tullney, M. (2020). “Stell Dir vor, es ist 2020 und Open Access läuft immer noch nicht.“. https://doi.org/10.5446/49691
  • Knoche, M. (2021). Raus aus den DEAL-Verträgen! Sieben Gründe für den Ausstieg. Aus Der Forschungsbibliothek Krekelborn. https://biblio.hypotheses.org/2598
  • Mittermaier, B. (2017). Aus dem DEAL-Maschinenraum – ein Gespräch mit Bernhard Mittermaier. LIBREAS. Library Ideas, 32, 1–7. https://doi.org/10.18452/19100
  • Oberländer, A., & Tullney, M. (2021). Gemeinschaftliche Open-Access-Finanzierung als Aufgabe für Bibliotheken. https://doi.org/10.5446/52895
  • Pampel, H. (2021). Strategische und operative Handlungsoptionen für wissenschaftliche Einrichtungen zur Gestaltung der Open-Access-Transformation. Philosophische Fakultät  der Humboldt-Universität zu Berlin. https://doi.org/10.18452/22946
  • Schimmer, R., & Geschuhn, K. (2017). 3c. Open-Access-Transformation: Die Ablösung des Subskriptionswesens durch Open-Access-Geschäftsmodelle. In K. Söllner & B. Mittermaier (Eds.), Praxishandbuch Open Access (pp. 173–180). de Gruyter. https://doi.org/10.1515/9783110494068-020