
Warum Offenheit bei Künstlicher Intelligenz (KI) für Bildung und Wissenschaft wichtig ist
Wikimedia Deutschland ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung des Freien Wissens. Wir verstehen die Chancengleichheit beim Zugang zu Wissen und Bildung als Menschenrecht. Unsere Vision ist eine Welt, in der alle Menschen am gesamten Wissen der Menschheit teilhaben, es nutzen und mehren können. Wissen ist für uns dann frei, wenn es für alle Menschen jederzeit kostenlos verfügbar, veränderbar und nachnutzbar ist.
Allerdings beobachten wir, dass derzeitige Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz wesentliche Prinzipien des Freien Wissens missachten: Transparenz, freier Zugang und Mitbestimmung.
Transparenz: Die im Bildungsbereich am häufigsten eingesetzte generative KI ist ChatGPT. Doch es ist nur wenig über das große proprietäre Sprachmodell, dessen Trainingsdaten oder Filter bekannt sind. Dadurch kann es kaum durch externe, unabhängige Personen beurteilt werden. In einem so sensiblen Bereich wie der Bildung, bei der es sich um eine öffentliche Aufgabe handelt, ist das nicht akzeptabel - daher fordern wir mehr Transparenz dort eingesetzter KI-Systeme.
Zugang: Privatwirtschaftliche Unternehmen verlangen für generative Chatbots hohe Lizenzgebühren. Wollen öffentliche Einrichtungen deren Nutzung für alle ermöglichen, müssen Sie hohe Lizenzgebühren zahlen. Damit fließen öffentliche Mittel direkt in privatwirtschaftliche Unternehmen, ohne dass für Staat oder Bürger*innen Möglichkeiten der Mitbestimmung über die Technologien existieren. Besser wäre es, diese öffentlichen Gelder könnten in die Entwicklung offener und gemeinwohlorientierter Systeme investiert werden.
Mitbestimmung: Proprietäre und kommerzielle KI-Anwendungen stehen im Widerspruch zu den Prinzipien und den Überzeugungen einer offenen Bildungspraxis und einer zeitgemäßen Pädagogik. Denn dazu gehört auch, dass die Auswahl von Inhalten und der Einsatz von Anwendungen wie beispielsweise KI-Tools gemeinsam ausgehandelt und mitgestaltet werden können. Damit dies realisiert werden kann, muss auf offene und transparente Anwendungen gesetzt werden, die nachvollziehbar sind und für die pädagogischen Bedarfe angepasst werden können.
Im Rahmen der kollaborativen Veranstaltungsreihe Forum Offene KI in der Bildung haben sich Menschen aus Bildungspraxis, -forschung und -zivilgesellschaft mit den Herausforderungen und Bedarfen bezüglich KI-Anwendungen in der Bildung auseinandergesetzt. Herausgekommen sind zehn Handlungsempfehlungen für offen und gemeinwohlorientierte KI-Technologien im Bildungsbereich, die die Relevanz von KI im Kontext der Bildung aus einer pädagogischen Offenheitsperspektive in den Blick nehmen.
An wen richten sich die Handlungsempfehlungen für mehr Offenheit bei KI in der Bildung?
Das Empfehlungspapier richtet sich an Bildungs- und Digitalpolitiker*innen, die offene und gemeinwohlorientierte KI in der Bildungspraxis fördern möchten. Die Empfehlungen sollen Möglichkeiten und Wege aufzeigen, wie der Einsatz offener KI-Technologien in der Bildung aussehen kann und welche Maßnahmen dafür getroffen werden müssen. Es wurde in einem kollaborativen Prozess zwischen November 2023 und Mai 2024 mit Beteiligten aus verschiedenen Bildungssektoren erarbeitet. Die Motivation war, Impulse in die Entscheidungsprozesse rund um KI-Anwendungen in der Bildung einzubringen und den politischen und gesellschaftlichen Diskurs in eine Richtung zu lenken, die gemeinwohlorientiert ist und nicht durch einzelne marktführende Tech-Konzerne dominiert wird. Ziel ist es, den Zugang zu offenen KI-Technologien, gute Rahmenbedingungen für offene Bildung und die Wahrung der Grundrechte im digitalen Raum voranzutreiben.
Credits: Ekvidi, Wikimedia-DE-Event-14052024-36, CC BY-SA 4.0
Die 10 Handlungsempfehlungen auf einem Blick:
Wir empfehlen die öffentlich finanzierte Entwicklung gemeinwohlorientierter und offener KI-Technologien für den Bildungsbereich mit gleichen Zugangsmöglichkeiten für alle. Alle eingesetzten KI-Systeme sollen vor ihrem Einsatz im Bildungsbereich unabhängig geprüft werden. Um dieses Ziel zu erreichen, bedarf es diverser Maßnahmen, die kurz- bis mittelfristig umzusetzen sind.
Infrastruktur und Zugang
- Kurzfristig: Bundesländer schaffen Zugänge zu KI-Systemen für alle
- Mittelfristig: Bund und Länder fördern die (Weiter-)Entwicklung von offenen, gemeinwohlorientierten KI-Alternativen für die Bildung
- Mittelfristig: Bund und Länder stellen öffentliche digitale Infrastrukturen zum Hosten offener KI-Systeme bereit
Offene Bildungspraxis
- Kurzfristig: Bund und Länder stellen alle öffentlich finanzierten Lern- und Weiterbildungsressourcen zu KI unter freien Lizenzen zur Verfügung
- Kurzfristig: Bundesländer fördern den Aufbau von Offenheitskompetenzen im Kontext der Digital- und Medienbildung
- Mittelfristig: Länder fördern eine neue Fortbildungskultur und -struktur mit offenen Formaten zum Peer-to-Peer- und Selbstlernen
- Mittelfristig: Bundesländer unterstützen die Veränderung der Lern- und Prüfungskultur
Grundrechte im digitalen Raum
- Kurzfristig: Der Bund gewährleistet durch regulatorische Maßnahmen die Nachvollziehbarkeit von spezifischen KI-Anwendungen für Nutzende
- Kurzfristig: Bund und Länder gewährleisten Datenschutz bei der Nutzung von KI-Anwendungen in der Bildung
- Mittelfristig: Bund und Länder führen eine unabhängige KI-Prüfstelle ein
Was folgt nach dem Papier und dem Forum?
Wir sehen das vorliegende Papier “Offene KI für alle!” nicht als abgeschlossen, sondern als Arbeitspapier an. Wir laden deshalb zur Fortsetzung unseres begonnenen, kollaborativen Prozesses ein. In diesem Sinne rufen wir alle politischen und pädagogischen Akteur*innen dazu auf, die Handlungsempfehlungen aufzugreifen, sie weiter zu verbreiten, mit Kolleg*innen darüber zu diskutieren und sie weiterzuentwickeln, zum Beispiel in der Wiki-Version der Handlungsempfehlungen: https://meta.m.wikimedia.org/wiki/Offene_KI. Wir hoffen, damit eine breite und differenzierte Debatte über KI-Systeme im Bildungsbereich mit anzustoßen. Wir appellieren an die Politik, die aufgeworfenen Herausforderungen anzugehen, den Dialog mit der Bildungspraxis zu intensivieren, unsere Empfehlungen aufzugreifen und deren Umsetzung aktiv zu unterstützen und voranzubringen.
Zitiervorschlag
Behrens, S., Boos, C., & Waag, A. (2024). Warum Offenheit bei Künstlicher Intelligenz (KI) für Bildung und Wissenschaft wichtig ist. open-access.network. doi.org/10.64395/wya9r-wkw77.
Dieser Beitrag ist lizenziert unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz (CC BY 4.0).
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