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<item><title>Faires Open Access braucht Redaktionen: Gegen die technokratische Vernachlässigung von Redakteur*innen in der Debatte um Not-for-Profit Open Access</title><link>https://open-access.network/blog/faires-open-access-braucht-redaktionen-gegen-die-technokratische-vernachlaessigung-von-redakteurinnen-in-der-debatte-um-not-for-profit-open-access</link><comments>https://open-access.network/blog/faires-open-access-braucht-redaktionen-gegen-die-technokratische-vernachlaessigung-von-redakteurinnen-in-der-debatte-um-not-for-profit-open-access#comments</comments><pubDate>Thu, 05 Sep 2024 10:20:00 +0200</pubDate><category>Fair OA</category><category>Diamond Open Access</category><dc:creator>Kathrin Ganz</dc:creator><dc:creator>Juliane Finger</dc:creator><dc:creator>Sabrina Schotten</dc:creator><dc:creator>Tobias Steiner</dc:creator><dc:creator>Marcel Wrzesinski</dc:creator><guid>https://open-access.network/blog/faires-open-access-braucht-redaktionen-gegen-die-technokratische-vernachlaessigung-von-redakteurinnen-in-der-debatte-um-not-for-profit-open-access</guid><description>Die Autor*innen sind aktive Mitglieder des scholar-led.network und setzen sich damit gemeinsam und kollaborativ für eine von Großverlagen unabhängige, nicht profitorientierte Publikationskultur jenseits von APCs und BPCs ein.

Ein frischer Wind weht durch die Open-Access-Welt: Diamond statt APC, öffentliche Infrastrukturen statt Transformationsvertrag. Eine erfreuliche Entwicklung für das wissenschaftsgeleitete Publizieren, bei der es jedoch eine gravierende Leerstelle gibt.

Wie ist es zu diesem Umschwung in der Open-Access-Debatte gekommen? In den letzten Jahren wurden erhebliche Mittel investiert, um Wissenschaftsverlagen den Übergang zum Open Access Publishing schmackhaft zu machen. Doch in der wissenschaftlichen Gemeinschaft und unter Open-Access-Expert*innen wächst die Kritik:  Transformationsverträge resultieren in den wenigsten Fällen in einer tatsächlichen Transformation der beteiligten Zeitschriften zu Full Open Access (Farley et al., 2021; Ghamandi, 2020; Kiley, 2024; Nous, 2021). Die DEAL-Verträge stabilisieren die Marktmacht der Verlagskonzerne; ob sie zu nachhaltigen Kostensenkungen führen, bleibt dabei offen (Brembs et al., 2023a). Zu der daraus erwachsenden Frustration gesellen sich zunehmende Sorgen um die digitale Souveränität der Wissenschaft (Saunders, 2023). Dass Verlagskonzerne “science tracking” betreiben und als Datenhändler agieren (Altschaffel et al., 2024; Beetham et al., 2022; Clark, 2016; Holzer, 2022; Pooley, 2022; Siems, 2022; 2023), gewinnt durch den zunehmenden Einsatz künstlicher Intelligenz im Publikationswesen (Wood, 2024) weiter an Brisanz.

Auch zentrale Akteur*innen wie die cOAlition S, der Rat der Europäischen Union und einige deutsche Wissenschaftsorganisationen greifen diese Problembeschreibung in aktuellen Statements auf und nehmen dort einen alternativen Weg des Open-Access-Publizierens in den Blick: nicht-profitorientiertes Open Access Publishing in der Hand der Wissenschaft, bei dem wissenschaftliche Publikationen mithilfe öffentlich geförderter Open-Access-Infrastrukturen für Leser*innen und Autor*innen gebührenfrei sind.

Diese Entwicklung ist aus Sicht des scholar-led.network folgerichtig und begrüßenswert. Als Zusammenschluss von Wissenschaftler*innen, die Publikationsprojekte unabhängig vom herkömmlichen Verlagswesen in kollaborativer, wissenschaftlicher Eigenregie betreiben, freuen wir uns, dass die in unseren Communities entwickelten und erprobten Modelle zukünftig breit gefördert und adaptiert werden sollen, wie wir es 2021 im scholar-led.network-Manifest (scholar-led.network, 2021) gefordert haben. Als Expert*innen für wissenschaftsgeleitetes, nicht-kommerzielles Publizieren sehen wir jedoch auch die Lücken in der aktuellen Diskussion. Diese fokussiert primär auf technische Fragen nach neuen Publikationsplattformen für Open Access und plädiert für das Aufbrechen etablierter Peer-Review-Strukturen (Brembs et al., 2023b). Diese neuen Ansätze orientieren sich oft an einem Wissenschaftsverständnis, das in den quantitativ arbeitenden Forschungsfeldern (STEM) verbreitet ist. Dabei wird jedoch oftmals übersehen, dass wissenschaftliches Publizieren, insbesondere in den Geistes- und Sozialwissenschaften, ein zutiefst sozio-technischer Prozess ist.

Die zentrale Schwachstelle liegt aus unserer Sicht darin, dass die Aufgaben von wissenschaftlichen Redakteur*innen und Herausgeber*innen weitestgehend ausgeblendet wird. Zur Erinnerung: Wissenschaftliche Redakteur*innen organisieren die Qualitätssicherung. Sie entscheiden über Desk Rejections, um Qualität zu sichern und das Peer-Review-System zu entlasten. Sie wählen Reviewer*innen aus und bewerten mögliche Befangenheiten. Sie sichten die Kommentare der Gutachter*innen, unterstützen Autor*innen dabei, Hinweise produktiv umzusetzen, und prüfen abschließend, ob Beiträge den Qualitätskriterien entsprechen. Darüber hinaus engagieren sie sich für die Akquise von Beiträgen, die Entwicklung neuer Formate und die Beratung von Nachwuchswissenschaftler*innen. Wissenschaftliche Redakteur*innen müssen fachlich versiert und gut vernetzt sein, um diese Aufgaben zu erfüllen. 

Bei wissenschaftsgeleiteten Publikationsorganen jenseits etablierter, kommerzieller Verlage kommen weitere Aufgaben hinzu: Die Tätigkeit von Redakteur*innen erfordert ein umfassendes Verständnis von Publikationsinfrastrukturen. Sie müssen die spezifischen Prozesse ihres Publikationsorgans in digitalen Redaktionssystemen abbilden, auftretende Fehler erkennen und Autor*innen und Gutachter*innen bei der Arbeit mit dem Redaktionssystem unterstützen. Redaktionen verwalten die Budgets der Diamond-Open-Access-Projekte, werben Mittel ein und koordinieren die Zusammenarbeit mit Infrastrukturanbieter*innen und externen Dienstleister*innen. Sie diskutieren intern über die Vorgehensweise bei Retractions und entscheiden selbst über publikationsethische Standards, wobei sie die spezifischen Erfordernisse des eigenen Fachs berücksichtigen. Angefangen von der Klärung juristischer Fragen über die Auseinandersetzung mit neuen, experimentellen Formen des Publizierens im Digitalen bis hin zum zielgruppenspezifischen Marketing fallen Aufgaben in ihren Arbeitsbereich, die in kommerziellen Verlagen arbeitsteilig organisiert werden. Wissenschaftsgeleitete Publikationsprojekte übernehmen diese selbst, denn dies füllt mit Leben, was wir mit “wissenschaftsgeleitet” meinen. Die Betreiber*innen technischer Open-Access-Infrastrukturen in den Bibliotheken und neue, nicht-kommerzielle Universitätsverlage unterstützen hier unter anderem mit Leitlinien und Beratung, haben aber in der Regel nicht das Mandat oder die Ressourcen, sich um alle anfallenden Aufgaben zu kümmern. 

Dass dieses vielfältige Aufgabenspektrum und die zentrale Rolle der Redaktionen in vielen der aktuellen Debattenbeiträgen komplett ausgeblendet werden, ist kein Zufall. Gute und faire Redaktionsarbeit lässt sich nur begrenzt “outsourcen” oder wie bereitgestellte Soft- und Hardware “skalieren”. Es müssen Lösungen gefunden werden, diese Arbeit unter den aktuellen, immer prekärer werdenden Bedingungen wissenschaftlichen Arbeitens mit befristeten Stellen und unsicheren Karriereverläufen zu organisieren. Es braucht akademische Freiräume innerhalb vergüteter Stellen und Anreizsysteme, damit es sich lohnt, sich in einer Redaktion zu engagieren und Kompetenzen aufzubauen. Nur so können diese Kompetenzen auch durch Networking, Kollaboration und nicht-kompetitiven Wissensaustausch weitergegeben werden, so dass sich wissenschaftliches Publizieren als dezentrales Netzwerk weiterentwickeln kann – ein Ansatz, den Adema/Moore, 2021 mit dem Konzept “scaling small” beschrieben haben. Diese Herausforderung ist komplex und wird in unterschiedlichen Disziplinen unterschiedlich beantwortet werden müssen. Wer nicht-profitorientiertes Open Access Publishing in der Hand der Wissenschaft fordert, muss sich dieser Frage jedoch über kurz oder lang stellen, denn Autor*innen und Gutachter*innen interagieren nicht nur mit Infrastrukturen. Sie interagieren hauptsächlich mit Menschen.

Aktuell klafft eine große Leerstelle, die nicht dadurch gefüllt wird, dass immer mehr Wissenschaftsorganisationen und wissenschaftspolitische Akteur*innen betonen, dass Gelder aus dem Erwerb in die Förderung von Open-Access-Publikationsinfrastrukturen verlagert werden sollen. Selbstverständlich sind Redaktionssysteme, Repositorien, Preprint-Archive und grundlegende Infrastrukturdienste wie Crossref und DataCite von zentraler Bedeutung für ein wissenschaftsgeleitetes Publikationssystem. Im Vergleich dazu mag jede einzelne der 246–298 primär in Deutschland angesiedelten Diamond-Open-Access-Fachzeitschriften zwar, wie in der Studie zur “Kartierung und Beschreibung der Open-Access-Dienste in Deutschland” beschrieben, “weniger systemischen Charakter haben” (Biela/Stalla/Hohmann/Holzer, 2024, 10). Sie alle zusammen und die Menschen, die sie betreiben, sind jedoch gerade durch ihre Pluralität für das Publikationssystem überaus systemrelevant. Auch ein “large-scale open access research publishing service” (Rat der Europäischen Union, 2023), wie er dem Rat der Europäischen Union vorschwebt, wird die notwendige Transformation nicht befördern, wenn nicht aktive Redaktionskollektive ihn mit Leben füllen. Und auch die im Plan-S-Proposal “Towards Responsible Publishing” (Stern et al., 2023) vorgeschlagene Neudefinition der Redakteur*innenrolle wirkt zu kurz gedacht. Danach sollen Redakteur*innen die Entscheidungsmacht über die Veröffentlichung an die Autor*innen abgeben (Prinzip 1), jedoch weiterhin Begutachtungsprozesse organisieren. Welche Anreizsysteme für wissenschaftliche Redaktionen in diesem System greifen, lässt der Vorschlag jedoch offen.

Aus Sicht des scholar-led.network sind Vorstöße, die das Problem auf die Bereitstellung von primär technischer Infrastruktur verkürzen und One-Size-Fits-All-Lösungen ohne die hinreichende Berücksichtigung disziplinärer Diversität präsentieren, technokratische Nebelkerzen. Ein Systemwechsel wird ohne qualifizierte wissenschaftliche Redakteur*innen nicht funktionieren. Daher ist es höchste Zeit, dass deren Arbeit anerkannt und vergütet wird (siehe dazu auch jüngst Adema/Moore, 2024) – was beispielsweise durch eine sinnvolle Einbettung in eine grundlegende Reform der Personalstrukturen im deutschen Hochschulwesen erfolgen könnte. Verschiedene Vorschläge dazu existieren bereits beispielsweise im Kontext der #IchbinHanna-Initiative (siehe bspw. Bahr, 2023), leider ist jedoch seitens der Hochschulpolitik sowohl auf Landes- als auch auf Bundesebene bisher wenig Bereitschaft hin zu einer dringend nötigen Implementierung erkennbar.
Literatur

    Adema, J., &amp; Moore, S. A. (2021). Scaling Small; Or How to Envision New Relationalities for Knowledge Production. Westminster Papers in Communication and Culture, 16(1). https://doi.org/10.16997/wpcc.918 
    Adema, J., &amp; Moore, S. (2024). &quot;Just One Day of Unstructured Autonomous Time&quot;: Supporting Editorial Labour For Ethical Publishing Within The University. https://doi.org/10.17863/CAM.107590 
    Altschaffel, R., Beurskens, M., Dittmann, J., Horstmann, W., Kiltz, S., Lauer, G., Ludwig, J., Mittermaier, B., &amp; Stump, K. (2024). Datentracking und DEAL – Zu den Verhandlungen 2022/2023 und den Folgen für die wissenschaftlichen Bibliotheken –. RuZ - Recht und Zugang, 5(1), 23–40. https://doi.org/10.5771/2699-1284-2024-1-23
    Bahr, A. (2023) Access denied! Warum Zugangsbeschränkungen der Wissenschaft schaden. Open-Access-Tage 2023, Freie Universität Berlin, 2023. https://doi.org/10.5446/66731 
    Beetham, H., Collier, A., Czerniewicz, L., Lamb, B., Lin, Y., Ross, J., Scott, A.-M., &amp; Wilson, A. (2022). Surveillance Practices, Risks and Responses in the Post Pandemic University. Digital Culture &amp; Education (ISSN: 1836-8301), 14(1). https://www.digitalcultureandeducation.com/volume-14-1
    Biela, J., Stalla, M., Hohmann, L., &amp; Holzer, A. C. (2024). Kartierung und Beschreibung der Open-Access-Dienste in Deutschland. Studie der Technopolis Group im Auftrag der Deutschen Forschungsgemeinschaft für die Allianz der Wissenschaftsorganisationen.  Zenodo. https://doi.org/10.5281/zenodo.11121906
    Brembs, B., Förstner, K., Müller-Birn, C., &amp; Dirnagl, U. (2023a). Wissenschaftliche Großverlage: Kein guter Deal. Frankfurter Allgemeine Zeitung. https://www.faz.net/aktuell/wissen/forschung-politik/wissenschaftliche-grossverlage-wissenschaftliche-grossverlage-19344181.html 
    Brembs, B., Huneman, P., Schönbrodt, F., Nilsonne, G., Susi, T., Siems, R., Perakakis, P., Trachana, V., Ma, L., &amp; Rodriguez-Cuadrado, S. (2023b) Replacing academic journals R. Soc. Open Sci.10230206 http://doi.org/10.1098/rsos.230206 
    Clark, I. (2016). The digital divide in the post-Snowden era. Journal of Radical Librarianship, 2. https://journal.radicallibrarianship.org/index.php/journal/article/view/12
    Farley, A., Langham-Putrow, A., Shook, E., Sterman, L., &amp; Wacha, M. (2021). Transformative agreements: Six myths, busted. College &amp; Research Libraries News, 82(7), 298. doi:https://doi.org/10.5860/crln.82.7.298 
    Ghamandi, D. (2020) Uncensored Scholarly Communication Fragments. https://doi.org/10.17613/xmj2-zd67 
    Holzer, A. (2022). Die Vermessbarkeit der Wissenschaft: Digitalisierung, wissenschaftliches Publizieren, Verhaltenstracking und Wissenschaftsbewertung. In N. Mößner &amp; K. Erlach (Eds.), Kalibrierung der Wissenschaft: Auswirkungen der Digitalisierung auf die wissenschaftliche Erkenntnis (1. Auflage). transcript. doi.org/10.14361/9783839462102-007 ;
    Kiley, R. (2024) Transformative Journals: analysis from the 2023 reports. Coalition S blog.  https://www.coalition-s.org/blog/transformative-journals-analysis-from-the-2023-reports/ 
    Nous, C. (2021). Message from the Grassroots: Scholarly Communication, Crisis, and Contradictions. Canadian Journal of Academic Librarianship, 7, 1–27. https://doi.org/10.33137/cjalrcbu.v7.36448 
    Pooley, J. (2022). Surveillance Publishing. The Journal of Electronic Publishing, 25(1). https://doi.org/10.3998/jep.1874
    Rat der Europäischen Union (2023). „Wege des hochwertigen, transparenten, offenen, vertrauenswürdigen und fairen wissenschaftlichen Publizierens“. 9616/23. https://data.consilium.europa.eu/doc/document/ST-9616-2023-INIT/de/pdf
    Saunders, J. L. (2023). Surveillance Graphs: Vulgarity and Cloud Orthodoxy in Linked Data Infrastructures. https://doi.org/10.17613/syv8-cp10 
    scholar-led.network (2021) Das scholar-led.network-Manifest. DOI: https://doi.org/10.5281/zenodo.4925784.
    Siems, R. (2022). Das Lesen der Anderen: Die Auswirkungen von User Tracking auf Bibliotheken. o-bib. Das offene Bibliotheksjournal, 9(1). https://doi.org/10/gtjdvn
    Siems, R. (2023). „Überwachen und Strafen“ – Tracking und Kontrolle des Forschungszyklus. ABI Technik, 43(2), 86–95. https://doi.org/10.1515/abitech-2023-0016
    Stern, B., Ancion, Z., Björke, A., Farley, A., Qvenild, M., Rieck, K., Sondervan, J., Rooryck, J., Kiley, R., Karatzia, M., &amp; Papp, N. (2023). Towards Responsible Publishing (1.0). Zenodo. https://doi.org/10.5281/zenodo.8398480  
    Wood, H. (2024, August 1). Wiley and Oxford University Press confirm AI partnerships as Cambridge University Press offers &#039;opt-in&#039;. The Bookseller. https://www.thebookseller.com/news/wiley-cambridge-university-press-and-oxford-university-press-confirm-ai-partnerships</description><enclosure
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<item><title>Fair Open Access fördern</title><link>https://open-access.network/blog/fair-open-access-foerdern</link><pubDate>Mon, 01 Jul 2024 00:00:00 +0200</pubDate><category>Open Access Transformation</category><category>Diamond Open Access</category><category>Fair OA</category><dc:creator>Sarah Dellmann</dc:creator><dc:creator>Michaela Voigt</dc:creator><guid>https://open-access.network/blog/fair-open-access-foerdern</guid><description>Am 14./15. Mai fand in Göttingen das 3. von open-access.network organisierte Open Access Barcamp statt. In einer Session wurde die Frage diskutiert, was Bibliotheken tun können, um Fair Open Access zu fördern. Der folgende Blogbeitrag knüpft an diesen Austausch in einer Gruppe von ca. 20 Personen an. Den Diskussionspunkten stellen wir eine Definition vorweg.
Begrifflichkeiten

Der Begriff Diamond Open Access ist in aller Munde, nicht zuletzt seit der Veröffentlichung der „OA Diamond Journals Study“ in 2021 (vgl. Becerril et al., 2021 und Bosman et al. 2021) und den darauf folgenden „Action Plan for Diamond Open Access“ aus 2022 (Ancion et al. 2022); eine gemeinsame Unternehmung von Science Europe, der cOAlition S, OPERAS, und der französischen Forschungsorganisation ANR.
Zwar gibt es immer noch keine allgemein geteilte Definition. Wir können aber feststellen, dass Diamond Open Access als ein Sammelbegriff für Geschäftsmodelle verwendet wird, in denen die Publikationskosten nicht an Autor*innen (bzw. Herausgeber*innen) weitergegeben werden. In einigen Definitionen wird zudem festgehalten, dass sich die Infrastruktur oder das Publikationsorgan in akademischer oder öffentlich-rechtlicher Trägerschaft befinden muss.1 Da es keine geteilte Definition gibt, gibt es auch – noch? – keine allgemeinverbindlichen Kriterien, anhand derer wir beurteilen können, ob ein Publikationsorgan oder eine Infrastruktur Diamond Open Access ist.

Fair Open Access hingegen definiert einen Kriterienkatalog, anhand dessen sich Zeitschriften in Hinsicht auf das Erfüllen bestimmter Werte beschreiben lassen – unabhängig von Geschäftsmodell oder Trägerschaft. Die sog. Fair Open Access Alliance (FOAA)2 hat fünf Prinzipien formuliert, die eine Zeitschrift erfüllen muss, um als Fair Open Access zu gelten: Sie ist 1. wissenschaftsgeleitet, 2. die Autor*innen behalten die Rechte an ihren Werken, 3. die Inhalte sind vollständig und unmittelbar Open Access, 4. die Einreichung und Veröffentlichung von Beiträgen ist nicht unmittelbar mit Kosten verbunden und 5. ggf. anfallende Gebühren sind niedrig, der Leistung angemessen und werden transparent dargestellt. Anders als bei Diamond sind Zeitschriften, deren Geschäftsmodell auch APCs umfasst, nicht per se ausgeschlossen, solange es sich um keine verpflichtende APC-Zahlung handelt, und die Zeitschrift grundsätzlich non-profit ist (vgl. „Clarification notes“ der FOAA principles). Diese Prinzipien wurden speziell mit Blick auf Zeitschriften formuliert, lassen sich aber (entsprechend weitergedacht) auch auf andere Publikationsorgane und Infrastrukturen anwenden.

Diamond und Fair Open Access sind weder synonym, noch schließen sie einander aus; keins von beiden ist eine Teilmenge des anderen, doch gibt es Überlappungen: Tatsächlich erfüllen viele (aber nicht alle!) Diamond-Open-Access-Zeitschriften die Kriterien von Fair Open Access.3 Andersherum gibt es bei vielen (aber nicht allen!) Verlagen, die Diamond-Zeitschriften im Portfolio haben, breite Zustimmung zu den Werten, die hinter den Fair-Open-Access-Kriterien stehen.4 Und, um es noch komplizierter zu machen, gibt es auch not-for-profit Zeitschriften, die sich über APCs finanzieren und die den Kriterien für Fair Open Access entsprechen, aufgrund der APCs aber nicht als Diamond-Open-Access-Zeitschrift gelten (z. B. Quantum).5

Anders gesagt: Diamond Open Access und Fair Open Access nehmen jeweils unterschiedliche Perspektiven ein. Da wir uns im Folgenden mit Kriterien für Fördermöglichkeiten von Bibliotheken beschäftigen, plädieren wir in diesem Fall für die Verwendung Fair Open Access.

Unsere Prämisse lautet: Wir unterstützen in erster Linie Werte (freier Zugang zu Information für alle, freie Teilhabe am wissenschaftlichen Diskurs für alle, Handlungsfähigkeit der Wissenschaft bzw. Wissenschaftler*innen) und erst in zweiter Linie Geschäftsmodelle – nicht andersherum. Unbenommen bleibt, dass es darum geht, relevante Inhalte und Initiativen mit geeigneter wissenschaftlicher Qualitätssicherung zu fördern.

Wie kann eine solche Förderung aussehen? Im Folgenden tragen wir die beim Barcamp diskutierten Aspekte zusammen. Dabei konzentrieren wir uns auf Ideen für Ausgabenarten und andere Aktivitäten – und lassen Fragen der operativen Umsetzung an dieser Stelle außer Betracht.
Finanzierung von Fair Open Access

Die FOAA principles benennen sehr konkret Kriterien von Fair Open Access; daneben sind lokale Kriterien zu berücksichtigen. Viele Einrichtungen werden ihre Unterstützung für ein Publikationsorgan oder eine Infrastruktur an allgemeine Erwerbungskriterien knüpfen (hier beispielhaft):

    Hat die Infrastruktur oder das Publikationsorgan fachliche Relevanz für die Einrichtung?
    Publizieren Wissenschaftler*innen der eigenen Einrichtung in der Zeitschrift oder Reihe?
    Sind Wissenschaftler*innen der eigenen Einrichtung als Herausgeber*innen der Zeitschrift oder Reihe beteiligt? Sind Sie womöglich in herausgehobener Rolle Mitglied im Editorial Board (z. B. Editor-in-Chief)?
    Sind die Inhalte relevant für die Lehre?

Ist der institutionelle Rahmen geklärt, stellt sich die Frage, was eigentlich genau unterstützt werden soll, kann und darf:

    Personalkosten für (unterstützende und/oder inhaltliche) Redaktionstätigkeiten und/oder Arbeiten an Infrastruktur
    Finanzierung verlegerischer Dienstleistungen Dritter: Satz, Klärung von Bildrechten, Anfertigen von Übersetzungen und barrierefreie Umsetzung der Publikation
    finanzielle Unterstützung für Journal Flipping
    finanzielle Unterstützung für Infrastruktur und/oder intermediäre Organisationen, häufig durch institutionelle Mitgliedschaften (z. B. DOAJ, DOAB, OAPEN, ORCID, DSpace, PKP als Organisation hinter OJS/OMP, arXiv, AEUP, COAR)
    Finanzierung von konkreten Publikationsdienstleistungen, etwa einer Zeitschrift (über ein Konsortium oder als Einzelförderung)

Nicht-monetäre Unterstützung

Zunehmend ist Kritik auch von Wissenschaftler*innen an DEAL und ähnlichen Publish-and-Read-Verträgen zu vernehmen, die sich bei der Ausrichtung des institutionellen Open-Access-Förderhandelns benachteiligt bzw. nicht gesehen fühlen, da die Publikationskultur in ihrer Disziplin nicht zur Förderlogik passt.6

Auch vor diesem Hintergrund wollen wir betonen, dass Fair Open Access auch ohne einen Fair-Open-Access-Fonds gefördert werden kann. Zuallererst sind dabei Repositorien, Hochschulverlage oder Zeitschriftenhosting zu nennen – immer vorausgesetzt, dass sie ein klares Open-Access-Profil haben. Diese Publikationsservices und Infrastrukturangebote sind vielerorts etabliert und wir plädieren sehr dafür, für deren Betrieb und weiteren Ausbau ausreichend Personalressourcen in den Bibliotheken bereitzustellen.
Darüber hinaus sind weitere Aktivitäten denkbar, die entweder den Open-Access-Beratungsalltag betreffen, oder eher mittelbar wirken:

    Identifizierung von Fair-Open-Access-Aktivitäten an der eigenen Institution
    Professionalisierung von Diamond- bzw. Fair-Open-Access-Journalen unterstützen (z. B. durch die Vermittlung von Knowhow und/oder Ansprechpartner*innen, die den Prozess der DOAJ-Indexierung begleiten), kurz gesagt: Zeitschriftenredaktionen dazu befähigen, etablierte Förderauflagen zu erfüllen.
    Awareness in der eigenen Institution erhöhen (insbesondere für Fair Open Access bzw. für Zusammenhänge des wissenschaftlichen Publikationsmarktes und die lokalen Auswirkungen des Kostendrucks)
    Veränderung in Research Assessment an eigener Institution bewirken (z. B. durch den Stellenwert bei Openness in Bewerbungsverfahren7)
    bei Einrichtungen mit Konsortialstellen: Konsortialverhandlungen und -bildungen für Fair-OA-Zeitschriften unterstützen („KOALA-Konsortien selbst machen“)
    Ausweitung des Beratungsangebots auf Zielgruppe Herausgeber*innen

Fair Open Access ist kein Nice-to-have

Bibliotheken sind eine der primären zahlenden „Kund*innen“ wissenschaftlicher Publikationen – es liegt in unserem Versorgungsauftrag, den Zugang für die Forschenden unserer Institutionen zu gestalten. Wir können und sollten Verantwortung übernehmen, damit – als Folge der Transformation von Geschäftsmodellen – aus der Subskriptionskrise keine handfeste Publikationskrise erwächst. Das bedeutet, so unsere Meinung, in Konsequenz, dass sich Bibliotheken aktiv(er) mit der nachhaltigen Ausgestaltung von wissenschaftseigenen, not-for-profit Publikationsstrukturen beschäftigen – dazu gehört auch die Finanzierung.8 Fair bzw. Diamond Open Access müssen im Etat fest eingeplant werden – Fair Open Access ist kein Nice-to-Have.

Folgende (institutionelle) Aktivitäten möchten wir exemplarisch erwähnen:

    KU Leuven: Fund for Fair Open Access
    Universität Amsterdam: UvA Diamond Open Access Fund
    TU Berlin: Fair Open Access Fonds
    Niedersächsischer Beirat für Bibliotheksangelegenheiten: NiedersachsenOPEN
    ZBW: Förderung von Open-Access-Infrastrukturen; Open Library of Economics (OLEcon)

Wir freuen uns auf weitere Beispiele in den Kommentaren.

1 Für eine ausführliche (kritische) Auseinandersetzung mit dem Begriff empfehlen wir die Lektüre von Dellmann et al., 2022.
2 Die Fair Open Access Alliance ist eine Stiftung niederländischen Rechts, in der sich Wissenschaftler*innen und Expert*innen aus Bibliotheken zu einer Art Dachorganisation zusammengeschlossen haben, um die Kräfte ähnlicher Initiativen zu bündeln (u. a. LingOA, MathOA oder Open Library of Humanities). Die frühere Webseite www.fairopenaccess.org ist seit Anfang 2024 leider nicht mehr erreichbar; die Inhalte sind glücklicherweise noch über das Internet Archive einsehbar (Stand November 2023).
3 Die durch KOALA finanzierten Zeitschriften und Schriftenreihen müssen APC-frei sein und darüber hinaus auch weitere Mindeststandards erfüllen, weshalb ein Großteil dieser Zeitschriften zugleich Diamond Open Access und Fair Open Access sind. KOALA erlaubt allerdings die Finanzierung von Zeitschriften und Schriftenreihen bei einem gewinnorientiert arbeitenden Verlag.
4 So geben auch kommerzielle Großverlage APC-freie Open-Access-Zeitschriften heraus (vgl. etwa die Vielzahl an Einträgen im DOAJ mit Filter „Journals without fees“), häufig erfolgt die Finanzierung dabei über eine Institution oder Fachgesellschaft.
5 Demmy Verbeke und Laura Mesotten (2022) beschreiben eindrücklich die Herausforderungen, not-for-profit Zeitschriften, die sich über APCs finanzieren, aus dem Fair Open Access Fonds zu unterstützen. In ihrem Artikel erläutern sie, warum sie letztlich davon Abstand nahmen, not-for-profit APCs aus dem Fair Open Access Fonds der KU Leuven zu begleichen. Vgl. Verbeke &amp; Mesotten, 2022.
6 So diskutiert Kai Matuszkiewicz die Hindernisse für mehr Open Access in der Medienwissenschaft in einem Blogbeitrag auf open.access-network.
7 Als Beispiel für Veränderung wollen wir die Universität Utrecht hervorheben: Hintergründe zum angepassten Research Assessmennt liefert auch folgender Beitrag: https://www.uu.nl/en/news/it-is-not-black-and-white.
8 Auf die Notwendigkeit einer nachhaltigen Finanzierung weist auch die Allianz der Wissenschaftsorganisationen hin, die in einer Stellungnahme vom Mai 2024 „die wissenschaftlichen Einrichtungen sowie deren Zuwendungsgeber [dazu aufrufen], Investitionen in nicht-kommerzielle Angebote als strategisch bedeutsamen Beitrag zu einer zukunftsorientierten Publikationsinfrastruktur zu sehen“.
Literatur:

    Ancion, Z. et al. (2022): Action Plan for Diamond Open Access. https://doi.org/10.5281/zenodo.6282403.
    Becerril, A. et al. (2021): The OA Diamond Journals Study. Part 2: Recommendations. https://doi.org/10.5281/zenodo.4562790.
    Bosman, J. et al. (2021): OA Diamond Journals Study. Part 1: Findings. https://doi.org/10.5281/zenodo.4558704
    Dellmann, S. et al. (2022): Facetten eines Missverständnisses: Ein Debattenbeitrag zum Begriff „Diamond Open Access“. o-Bib. Das offene Bibliotheksjournal, 9(3). https://doi.org/10.5282/o-bib/5849.
    Verbeke, D., &amp; Mesotten, L. (2022): Library funding for open access at KU Leuven. Insights, 35. https://doi.org/10.1629/uksg.565.

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